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Zur Geschichte des politischen Mandats

Politisches Mandat

Die Verfaßte Studierendenschaft war in ihrer wechselhaften Geschichte schon immer eine politische Institution. Umstritten wurde dies erst Ende der fünfziger Jahre, als die Studierenden eine zunehmend kritische Haltung zur herrschenden Politik einnahmen. Diese Entwicklung läßt sich anhand der Geschichte der Studierendenschaft der Freien Universität Berlin exemplarisch nachzeichnen.

Die faschistischen Wurzeln der Studierendenschaften

In der Weimarer Zeit werden von Verbindungsvertretern erstmals Verfaßte Studierendenschaften gebildet. Sie schließen sich bald zur “Deutschen Studentenschaft” zusammen. Aufgenommen werden nur rein arische Studentenschaften aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei.

Die Preußische Staatsregierung erläßt 1927 eine “Verordnung über die Bildung von Studentenschaften”, in der die Gleichbehandlung von Juden und Nichtjuden vorgeschrieben wird. Die Studenten von 26 der 27 preußischen Hochschulen lehnen unter diesen Bedingungen die Bildung einer Studierendenschaft ab.

1933 wird das Arier- und Führerprinzip per Gesetz eingeführt, 1936 ein Reichstudentenführer eingesetzt. (vgl. Schapals 1962, S. 58 ff; Thieme 1986, S. 699 ff) 14

Siegward Lönnendonker stellt in seinem Buch über die Gründung der FU fest:

“Der studentische Widerstand im 'Dritten Reich' war nach dem Zweiten Weltkrieg kein Vorbild, mit dem sich die Jugend identifizierte. Ende der 50er Jahre waren bereits wieder über 30 % der männlichen Studenten Westdeutschlands und West-Berlins in denselben Korporationen organisiert, [...] die am 10. Mai 1933 in Wichs und Couleur zusammen mit der SA 'weltbürgerlich-jüdisch-bolschewistische' Bücher verbrannt hatten und sich noch im selben Jahr freiwillig im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) hatten gleichschalten lassen. Die von der Front und aus den Kriegsgefangenenlagern an die Universitäten zurückgekehrte Generation fragte meistens nicht lange nach der historischen und politischen Mitverantwortung der korportierten Alten Herren. Ämterpatronage und Verbindungsprotektionismus waren attraktiver als das Experiment Demokratie oder gar Sozialismus.” (Lönnendonker 1988, S. 32) 8

Der Wandel zu gesellschaftskritischen Studierendenschaften am Beispiel der FU

Im Mittelpunkt der weiteren Betrachtungen soll die Entwicklung an der Freien Universität Berlin stehen. Erstens wurde der Text an dieser Universität verfaßt und zweitens spielte die FU schon immer eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung um das politische Mandat.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das politische Mandat der Studierendenschaften unumstritten. Die ASten waren aus dem Spektrum besetzt, aus dem jetzt die Kläger stammen. Erst Ende der 50er Jahre beginnt die Studierendenschaft der FU Kritik an der herrschenden Politik zu üben.

In der Zeitung “Die Welt” vom 5. März 1966 wird die Entwicklung aus rechter Sicht beschrieben:

"Von 1948 bis 1957 konzentrierte sich die politische Kritik im Wesentlichen auf den Osten, in den Jahren 1958 bis 1966 wurde fast nur noch der Westen unter die Lupe genommen, wobei die Konkordanz mit kommunistischen antiwestlichen Propagandawellen überraschte. Ein gewisser Rutsch war unverkennbar. [...]

So entwickelte sich die Freie Universität zu einem merkwürdigen politischen Laboratorium, in dem Studenten-Zirkel ihre Ideen destillieren, erhärten und popularisieren konnten. Die Konzepte der linken Gruppe pendelten sich sukzessive auf ‘Entspannung’, Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, Aufnahme offizieller Beziehungen zur Regierung der ‘DDR’, politische ‘Säuberung’ der Bundesrepublik; ‘innerbetriebliche Mitbestimmung’ und Verstärkung planwirtschaftlicher Elemente ein." (Sander 1966, S. 279) 13

Revolutionäre Politik ist immer auch ein Ringen um das Bewußtsein der Massen; insofern ist sie elitär, als dieses Bewußtsein zuerst von wenigen ausgebildet wird; und sie ist zugleich antielitär, als sie danach strebt, das Privileg der Minderheit aufzuheben und ihr Bewußtsein zur Jedermannsphilosophie werden zu lassen. (...) Erst wenn die Kultur der Beherrschten zur dominierenden wird, ist er Boden für die Revolution bereit. DIe Hegemonie besitzt, wer die Weltanschauung der Menschen prägt.
(Hans Heinz Holz)



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