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USA: Forever Tellerwäscher

Studiengebühren

Forever Tellerwäscher

Der amerikanische Traum stößt auf »begrenzte Möglichkeiten«.

Die Unterschicht hat in den höheren US-Bildungsanstalten nichts verloren Wie das deutsche ist auch das US-amerikanische Bildungssystem stark vom Prinzip der sozialen Auslese geprägt. Benachteiligte, sogenannte bildungsferne Schichten, sind deutlich unterrepräsentiert. An der kalifornischen Stanford University sind fast die Hälfte der Studierenden im Graduate-Studium weiße Amerikaner.

Berlin im Winter 2003: Studierende gehen auf die Straße, wetzen nackt über den Weihnachtsmarkt, besetzen Ministerien, stürmen Parteizentralen, verkaufen ihr letztes Buch, betteln im reichen Zehlendorf und machen publik, was eigentlich jeder weiß: deutsche Universitäten sind übervölkert und unterfinanziert. Maria Althahn* hat von alledem nichts mitbekommen. Die 27jährige Studentin der Musikwissenschaften hat ihrer Heimatstadt Berlin und der Humboldt-Universität im August Lebewohl gesagt und ist abgerauscht nach Amerika, ins kalifornische Stanford. In ihrer Tasche ein Vollstipendium für die Stanford University, einen der Leuchttürme der US-amerikanischen Hochschullandschaft. An der renommierten Privatuniversität wird Maria in vier Jahren ihren Doctor of Philosophy ablegen.

»Wir sind angekommen, und ich habe mich gefühlt wie in einer südfranzösischen Ferienanlage, weil der Campus sehr schön angelegt ist und die Unterkünfte wie Ferienwohnungen aussehen«, schildert sie ihre ersten Eindrücke. »Ich mußte gleich einen Einstufungstest im Department machen, wo man mich mit Namen begrüßt hat. Dort habe ich auch meine acht Kommilitonen, die mit mir angefangen haben, kennengelernt.« Es scheint also etwas dran zu sein am Motto der Elite-Uni, wo angeblich »die Luft der Freiheit weht«. Stanford spielt in der ivy-league der sogenannten altehrwürdigen Hochschulen mit, einem Zusammenschluß von zehn privaten Unis, die sich alle, bis auf Stanford, an der Ostküste befinden. Namen wie Harvard, Princeton, Yale und Stanford prägen das Bild der amerikanischen Universität im Ausland. Sie stehen für eine erstklassige und sehr teure Ausbildung.

Im Durchschnitt 35 000 Dollar jährlich kostet ein Studium an der Stanford University, wobei ein Großteil der Studierenden Stipendien oder Darlehen erhält. Aber selbst als Stipendiat muß man gut bei Kasse sein. Weil Stanford mitten im Silicon Valley liegt, braucht man pro Jahr 25 000 Dollar allein zur Deckung der Lebenshaltungskosten, wie die Uni auf ihrer Internetseite vorrechnet. An Bewerbern mangelt es trotzdem nicht – nur etwa jeder Zehnte schafft den Sprung auf den Bildungsolymp. »Das Renommee lockt, die Aussicht, gleich nach dem Abschluß einen Job zu bekommen, und auch die Finanzierung«, zählt Maria die Motive auf, den Sprung zu versuchen. In der Tat müssen die wenigsten die Ausbildungskosten aus eigener Tasche zahlen, rund zwei Drittel der Auserwählten haben ein Stipendium. Bis dahin ist es allerdings ein steiniger Weg. »Um auf eine der Elite-Unis zu kommen, ist der Druck schon in der High-School riesig groß, und es gibt überhaupt ein rigoroses Aufnahmeverfahren«, schildert Maria die Erfahrungen ihrer Kommilitonen. »Dann kostet das Undergraduate-Studium einen Haufen Geld, wohingegen Graduate-Studien meistens finanziert sind.« Als undergraduate gelten die Abschlüsse bis zum Bachelor. Diese werden zumeist an Colleges erworben, die zum Teil in die Universitäten integriert sind. Die weiterführenden Titel Master und Doctor werden ausschließlich von den Universitäten vergeben.

Wie das deutsche ist auch das US-amerikanische Bildungssystem stark vom Prinzip der sozialen Auslese geprägt. Benachteiligte, sogenannte bildungsferne Schichten, sind deutlich unterrepräsentiert. Während fast die Hälfte der Stanforder Studierenden im Graduate-Studium weiße Amerikaner sind, gehören ganze drei Prozent zur Schicht der Afro-Amerikaner. Die etwa 300 Universitäten in den USA sind überwiegend in privater Hand. Sie werden wie Dienstleistungsbetriebe geführt und konkurrieren um die klügsten Köpfe, die exzellentesten Professoren und die großzügigsten Spender. Der knallharte Wettbewerb führt zu erheblichen Qualitätsunterschieden zwischen den Hochschulen. Für Jost Hermand, der an der staatlichen Universität in Wisconsin Germanistik lehrt, sind diese Zustände undemokratisch: »Wer eine akademische Karriere plant, sollte im Graduate-Programm einer der 20 führenden Hochschulen studieren. Aber je höher eine Universität im Ranking steht, desto höher sind die Gebühren. Eine Vergabe von Stipendien können sich nur die reichsten Privatunis leisten.« Beispielhaft dafür ist der Werdegang der Deutschen Kathrin Froh*, wenngleich sie keinen »qualitativen Unterschied zwischen staatlicher und privater Universität gespürt hat«. Die 32jährige hat zuerst an der staatlichen Georgia-Universität den Assistant of Arts und danach an der privaten Lawrence Universität den Bachelor of Arts gemacht. Der Wechsel hatte einen finanziellen Hintergrund: Die Lawrence Universität bot ihr ein Vollstipendium.

Der Aufstieg »vom Tellerwäscher zum Millionär« ist und bleibt der Mythos, der er immer war. Höhere Bildung ist in den USA das Privileg der Mittel- und Oberschicht. »Viele richten ihren Kindern nach der Geburt einen Trust-Fonds ein, um ihnen ein Hochschulstudium zu ermöglichen. Das sind allerdings oft Eltern, die selber studiert haben«, erzählt Kathrin, die sechs Jahre in Georgia gewohnt hat. Sie selbst hat erfahren, was es heißt, privilegiert zu sein. Kleine Gruppen, ein eigener Betreuer, ein klares übersichtliches Studium. »Klar, ein bißchen verschult war es schon, mit Hausaufgaben, Noten und festgesetzten Lernzielen. Aber ich wußte immer, wo ich stand und was ich am Ende gelernt hatte.« Auch danach geriete die Uni nicht in Vergessenheit. »Die Alumnis – die Ehemaligen – haben jedes Jahr Spendenmarathons veranstaltet, da war richtig Begeisterung dahinter. Hier fühlt man sich ein Leben lang mit seiner Uni verbunden.«

Nach dem Bachelor kehrte Kathrin zurück nach Berlin und war geschockt: »Ich wußte gar nicht, was das ist, eine Langzeitstudentin. Jetzt bin ich selbst eine. Unter den Bedingungen hier, mit Arbeiten nebenher und Kind, schaffe ich es nie in der Regelstudienzeit.« Heute will sie zurück nach Amerika, so wie Maria zurück nach Berlin wollte. Das Silicon Valley wurde ihr zu eng. »Die Reglementierung und der Druck hier sind enorm. Ich mag die Atmosphäre nicht besonders. Alle sind vor allem mit sich und dem unglaublichen Druck beschäftigt, der auf ihnen lastet.« Ihres Freundes wegen bleibt sie aber erst einmal in Stanford. Doch die »Luft der Freiheit« riecht sie hier nicht. »Das schätze ich an deutschen Unis – es liegt an dir, was du draus machst.«

  • Name auf Wunsch der Befragten geändert


Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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