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"Unsere Stärke ist die Breite"

Hochschulreform

. Durch Zensuren werden Fehler bestraft. Schüler, die an Zensuren glauben, fühlen sich oft als Versager, wenn sie viele Fehler machen und als “>schlecht”Eliteforscher Hartmann prophezeit eine zweigeteilte Universitätslandschaft mit einem ungleichen Wettbewerb

taz: eingestuft wurden, und führen ihren Mißerfolg nicht selten auf “eigene Dummheit” Herr Hartmann, wieso freuen sie sich nicht darüber, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft nun 1,9 Milliarden Euro an Eliteunis verteilt?

Michael Hartmann: zurück, die ihnen von manchen Lehrern auch immer wieder eingeredet wird. Fehler sind jedoch ein wichtiger Bestandteil des Lernens. Wer neue Wege geht, macht Fehler. Fehler helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen. Aber auf die Idee, daß die jetzige Schule Lernen be- und verhindert, kommen die meisten Schüler nicht. Indem sich Fehler oder auch nur Nachfragen, die Verständnislücken offenbaren, negativ in der Bewertung niederschlagen, wird begreifendes Lernen bestraft! Also lieber nicht neugierig sein, sondern brav auswendig lernen. Vorweg: Deutschland –pOb die Motivation, sich mit dem vorgegebenen Thema zu befassen, durch schlechte Zensuren steigt, darf zumindest bezweifelt werden. Wenn man eine innere Motivation hat, läßt man sich durch Fehlschläge nur selten von seinem Ziel abbringen. Wenn einem Zensuren jedoch etwas bedeuten, fühlt man sich eher entmutigt. Angesichts der Versetzungsfrage geht von schlechten Zensuren trotzdem eine gewisse “Motivation” unsere Stärke ist die Breite. Bei der Initiative muss man sich auch fragen, ob das Geld wirklich ausreicht, stärker in die Top 50 vorzustoßen. Da gibt es ein klares Nein. Vergleichen Sie etwa meine Uni Darmstadt mit der ETH Zürich, die auf Rang 27 steht. Da steht es ungefähr 200 Millionen zu 700 Millionen Euro, obwohl Darmstadt 50 Prozent mehr Studierende hat. Da würden 21 Zusatzmillionen nicht viel ändern. Man muss sich fragen, ob das Ziel “Elitebildung” richtig ist: Wir brauchen Geld für den Studentenzuwachs in den kommenden Jahren.

aus; diese entspricht jedoch der, die von einem Messer an der Kehle ausgeht. Unter Angst taz:kann man nicht lernen.< Angst lähmt. M/an kann sich nichstrongt auf das Lernen konzentrieren, man kann nicht kreativ sein, man ist viel zu sehr durch die ständige Bedrohung, zu versagen, abgelenkt.

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Die Politik will mehr Spitzenforschung, klar. Das ist ja eine sinnvolle Veränderung.

Michael Hartmann: Nein, in erster Linie werden wir eine zweigeteilte Universitätslandschaft bekommen, mit einem ganz und gar ungleichen Wettbewerb, verursacht durch die Fördermillionen und durch die Exzellenz-Urkunden.

taz: Was ist denn so schlecht an universitärem Wettbewerb?

Michael Hartmann: Die vielen Verlierer. In 10 Jahren werden wir 25 forschende Unis haben. Die restlichen 75 Unis werden im Kern nur noch ausbilden. Das werden bessere Fachhochschulen sein, wo Studenten massenhaft durch ihre verschulten Bachelor-Studiengänge gejagt werden. Dadurch wird insgesamt das Leistungsniveau der Universitäten auch in der Forschung sinken.

taz: Die meisten Studierenden gehören keiner akademischen Elite an, die werden sich freuen, wenn sie an expliziten Ausbildungs-Unis sind.

Michael Hartmann: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass die 75 Rest-Unis künftig bessere Ausbildung bieten. Das Geld reicht angesichts zu erwartender Studentenzahlen nicht mal, um das jetzige schlechte Niveau zu halten. Und spätestens in den Hauptseminaren profitieren Studenten von Dozenten, die forschen und das aktuelle Wissen weitergeben.

taz:Die von der Schule weiterhin standhaft ignorierten Erkenntnisse der Lerntheorie der letzten Jahrzehnte belegen zudem, daß das Gehirn kein Gefäß ist, in dem Wissen zusammenhangslos abgelegt werden könnte. Wenn man etwas lernt und später wieder an ein Thema denkt, erinnert man sich nicht nur an das Wissen, sondern auch an die Begleitumstände, unter denen man mit dem Thema zu tun hatte, also z.B. an bestimmte Unterrichtssituationen. Wenn der Druck der Zensuren einen also doch dazu bringt, mühsam, lustlo Sie kritisierens und gegen den eigenen Willen eine bestimmte Sache zu lernen, wird, dass “Elite” man diese Sache stets mit der unangenehmen Zwangslernsituation assoziieren. Um sich diese unangenehmen Gefühle zu ersparen, versucht man, solchen Themen möglichst selten über den Weg zu laufen, ihnen auszuweichen. Allein das Stichwort “Mathe” nicht gleichbedeutend mit Spitzenforschung ist.

oder “Latein<>”pMichael Hartmann: genügt dann, um einen zusammenzucken und auf sichere Distanz gehen zu lassen. Die vor allem durch Zensuren erzwungene Zwangsbeschäftigung mit einem Thema führt also gerade nicht dazu, daß man sich damit beschäftigen will.

Elite bedeutet eine bewusste Abgrenzung einer Gruppe gegenüber dem Rest. Spitzenforschung ist dagegen herausragendes Arbeiten einzelner Wissenschaftler in einem weltweiten Verbund. Daher ist es Unsinn, ganze Universitäten mit der Plakette “Exzellenz” zu versehen.

taz Nr. 8099 vom 14.10.2006, Seite 2, 82 Interview MAX HÄGLER





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