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So sieht moderne Bildung aus

Bildungsstreik 2009

Neuer Leistungsdruck innerhalb des Bildungssektors durch moderne Umstrukturierungsmaßnahmen á la Bachelor und Master

Überall werden an europäsischen Hochschulen die Studiengänge auf ein gewünscht-einheitliches Bildungssystem umgestellt. Erstrebenswert erscheint dies auf den ersten Blick, allerdings ist es an der Zeit diese Umstellung kritisch zu betrachten.

Einführend ist zu erklären, dass die 6-semestrigen Bachelor- und 4-semestrigen Master-Studiengänge aus mehreren, teilweise aufeinander aufbauenden, Modulen bestehen.

Was ist ein Modul?

Das ist eine Art Lehreinheit, die, zusammengefasst aus mehreren Teilen, einen Baustein für den jeweiligen Studiengang bilden. In den Rahmenbedingungen für die Prüfungsordnungen an der FH kann jedes Modul 5 oder ein mehrfaches davon (10,15 oder höchstens 20) Creditpoints umfassen. Creditpoints sind die Anrechnungspunkte von denen man 180 sammeln muss um den Bachelor-Abschluss zu erreichen (240CtPs für den Master).

Nun sind diese “Lehreinheiten” jedoch nicht immer so unflexibel zu verpacken, darum gibt es in bereits laufenden Bachelor-Studiengängen auch welche mit 2 oder 8 oder 7 – oder wie viel auch immer – Creditpoints.

Neben dieser unflexiblen Handhabung sind es aber vor allem die vielen Prüfungsleistungen, die in Zukunft den Studierenden zu schaffen machen, denn sie sind Voraussetzung für den Abschluss eines Moduls. Im Gegensatz zu Studienleistungen sind diese nicht unbegrenzt wiederholbar, sondern höchstens 2 mal – und das zählt auch für die bereits begonnenen Bachelor-Studiengänge. Das bedeutet die neuen Studiengänge beinhalten über 20 oder auch 30 “Stolpersteine” in 6 Semestern Regelstudienzeit. Da ist nix mehr mit: das Fach ist nicht so wichtig. Sondern Prüfungsstress für alle und das in jedem Semester.

Neben dieser psychischen Belastung sind die neuen Studiengänge als “Vollzeitjobs” mit mindestens 40 Stundenwochen angelegt, da ihnen ein studentischer Workload (Arbeitsaufwand) vorgeschrieben ist, der kontrolliert werden soll. Also nix mehr mit freiem und über den Tellerrand hinausschauendem studieren. Leistung zählt! Wenn man nebenbei arbeiten muss, dann macht man das halt nachts. Ein Tag hat 24 Stunden und studentische Lebenskultur schadet dem effizienten Lernprozess.

Schöne neue Welt?

Klar, unser Bildungssystem benötigt eine Reform, jedoch sollte man nicht die Errungenschaften unserer Wissensgesellschaft durch technokratische und starre Rahmenbedingungen eingrenzen. Gerade dieses neue Studiensystem ist dabei in so vielen Punkten zu hinterfragen:

Ist Effizienz des einzelnen Studierenden plan- und messbar? Wer sagt uns, ob und wie wir Erfolg im Berufsleben haben? Kann für uns eine berufsqualifizierende Flexibilität nicht gerade darin bestehen, dass wir fähig sind, nach eigener Wahl sich Inhalte anzueignen und unabhängige Entscheidungen zu treffen, anstatt nach einer vorgegebenen Struktur zu studieren, nur auf Prüfungen lernend, abhängig von einzelnen Lehrenden und dem Aufbau von zusammengesetzten Modulen?

Wohin soll es gehen?

Und wenn es in die falsche Richtung läuft, laufen wir dann alle mit? Leider ist es in einer stark individualisierten Gesellschaft schwer zu sagen, welche Entscheidungen die richtigen sind. Auch ist es vermessen, zu sagen, man könnte hier einfach eine andere Lösung finden, schließlich wird sich an Vorhaben durch das hessische Ministerium gehalten und die wiederum handeln alle unter dem Deckmantel der Europäisierung mit nationalem Gestaltungsspielraum.

Jedoch meinen Experten, dass der Prozess der Umstrukturierung sich verselbstständigt hat und wer wenn nicht unsere Landesregierung würde das gerne nutzen, damit betriebswirtschaftliche Funktionalität verankert, das Konkurrenzverhalten gefördert und das freie Denken abgeschalten wird. Schließlich hat man gerade erst eine Strafvollzugsanstalt und die Uniklink Gießen-Marburg privatisiert. Warum also nicht auch den Bildungssektor dem Effizienzdenken der Marktwirtschaft unterwerfen, man muss ja im Wettbewerb bestehen und wer braucht heute denn eine freie, humanere und kreative Gesellschaft?

von Sören Steffe, AStA FH Frankfurt
Der Artikel wurde für bundesweite Relevanz leicht gekürzt.

Schlimmer als die, die die Fehlentscheidungen abnicken, sind die, die die abnicken, die die Fehlentscheidungen abnicken.
(Pater Rolf Hermann Lingen, römisch - katholischer Priester)



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