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Schulkampf in Berlin

Unter den Mittelstandsfamilien der Hauptstadt tobt ein erbitterter Wettbewerb um die raren Gymnasialplätze für Fünftklässler

Philine sitzt auf dem Schulflur und starrt auf den Zeiger der großen Uhr. Ab und zu stampft sie mit ihrem linken Fuß auf den Boden und zupft an ihrem roten Pullover. Da! Die Tür geht auf. Der Direktor steht im Flur. »Philine, kommst du bitte?« Philine springt auf, nickt. Sie ist neun Jahre alt. Es ist das erste Bewerbungsgespräch ihres Lebens.

Und gleich beim ersten Mal geht es um viel: Philine will aufs Gymnasium. Und zwar sofort. Die Grundschule ist ihr zu leicht, zu langweilig, und ihre Mitschüler sind zu langsam. Eigentlich müsste Philine es trotzdem noch zwei Jahre mit ihnen aushalten, denn Gymnasien beginnen in Berlin erst mit der siebten Klasse, eine Regelung, die sonst nur noch in Brandenburg gilt. Doch es gibt ein paar Ausnahmen: die so genannten grundständigen Gymnasien, die für besonders gute Schüler schon nach Klasse vier offen stehen. Um deren knappe Plätze tobt in der Hauptstadt seit Wochen ein erbitterter Wettbewerb unter Mittelstandsfamilien, die ihre Kinder vor dem traditionellen Berliner Schulsystem in Sicherheit bringen wollen. Einem Schulsystem, das bei Leistungsvergleichen international wie national blamabel abschneidet, in dem an einigen Schulen der Anteil nichtdeutschsprachiger Schüler auf über 90 Prozent gestiegen ist.

»Unsere Schule befindet sich seit Wochen im Ausnahmezustand«

Das Ziel aller Elternträume: eines der privaten unter den grundständigen Gymnasien. Die haben in Berlin den besten Ruf, weil sie sich ihre Schüler selbst aussuchen dürfen, in zum Teil mehrstufigen Auswahlverfahren. Zum Beispiel das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster, Philines Wunschschule. Seit drei Wochen führen der Direktor Martin Heider, sein Stellvertreter und der pädagogische Koordinator Bewerbungsgespräche im Akkord, fast 300 insgesamt, dabei kann die Schule nur 90 Sextaner aufnehmen, wie Fünftklässler hier in humanistischer Tradition heißen. Die beiden Hauptkonkurrenten um die Ehre der besten Berliner Schule, das Französische Gymnasium und das katholische Canisius-Kolleg, vermelden ähnliche Rekorde: jeweils bis zu 500 Bewerber. »Unsere Schule befindet sich seit Wochen im Ausnahmezustand«, sagt Pater Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs. 500 Bewerber, das bedeutet jede Menge nervöser Kinder und Eltern beim Auswahlverfahren.



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