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Leistungs- oder Sozialauslese?

Soziale Selektion

Studiengebühren stehen vor der Tür. In diesem Artikel soll anhand von Beispielen aus dem Ausland die Bedeutung von Studiengebühren für die soziale Selektion verdeutlicht werden.

USA: Ohne Moos nix los

In den USA spielen Privatuniversitäten eine zentrale Rolle, deren sehr hohe Studiengebühren von den Studenten bezahlt werden müssen. Statistische Erhebungen zeigen, dass, wer Karriere machen will, den Abschluss an einer der Eliteeinrichtungen beinahe zwingend benötigt. Diese Einrichtungen haben den Ruf, nur die Besten eines jeweiligen Jahrgangs aufzunehmen, und durch eine langwierige und schwierige Aufnahmeprozedur soll dies gewährleistet werden. Die Auswahl wird als leistungsbezogen und unabhängig von der sozialen Herkunft bezeichnet. Tatsächlich kommen 4/5 der Studierenden aus den oberen 10-20% der Bevölkerung und nur 10% aus der unteren Hälfte.

Der erste Grund für diese vollkommen unrepräsentative soziale Rekrutierung der Studierenden sind Auswahlgespräche, in denen Bewerber aus bürgerlichen Elternhäusern erfahrungsgemäß große Vorteile haben, weil die Prüfer aus demselben Milieu stammen wie sie. Der zweite Selektionsmechanismus sind die horrenden Studiengebühren. Die Summen, die zwischen 40000 und 50000 Dollar pro Jahr liegen, stellen aufgrund mangelhafter finanzieller Unterstützung von staatlicher Seite für die meisten Studenten aus ärmeren Familien eine unüberwindbare Hürde dar. Ein Student, der seinen Bachellor-Abschluss nach drei Jahren macht ist durchschnittlich mit 30000 Dollar verschuldet. Fatal ist, dass die Rückzahlung sich nicht nach dem späteren Einkommen richtet, sondern zu einem festgelegten Zinssatz zurückgezahlt werden muss. Insgesamt waren die amerikanischen Studenten im Jahre 2003 mit 7,5 Milliarden $ verschuldet und innerhalb der letzten sechs Jahre hat sich die Verschuldung verdoppelt.

Großbritannien: Nur ein Weg zur Elite

Auch in Großbritannien findet ähnlich wie in den USA eine soziale Selektion über sehr teure Elitebildungseinrichtungen statt. Allerdings erfolgt diese bereits überwiegend auf schulischer Ebene.Es gibt in Großbritannien ein sehr gut ausgebautes privates Schulsystem. Hier stechen die 500 sogenannten Public Schools hervor, die nur gut 9,5% der Schüler stellen. Von den Vorstandsvorsitzenden der 100 größten britischen Unternehmen haben 72 eine solche Schule besucht und allein ein Viertel war in Eton, der exklusivsten. Auch nahezu alle Minister und hohen Beamten sind an einer Public School ausgebildet worden. Die Public Schools kosten bis zu 19000 Pfund, was genau dem englischen Durchschnittseinkommen entspricht. Ein Stipendiensystem, das diese Missverhältnisse ausgleichen könnte, existiert faktisch nicht. Die ehemaligen Schüler sind mit 50% der Anfänger an den beiden Eliteuniversitäten des Landes vollkommen überrepräsentiert.

Das staatliche englische Hochschulsystem war lange Zeit kostenlos und wurde mit Stipendien gefördert. Da jedoch die Anfängerzahlen sich von 1970 bis 1990 verdreifachten, und gleichzeitig die Finanzierung nicht angepasst wurde, sanken die Mittel pro Student um 50% und die Verhältnisse an den Universitäten waren erbärmlich. Anstatt den Bildungsetat zu erhöhen, führte die Labour-Regierung 1998 Studiengebühren von bis zu 1000 Pfund pro Jahr ein. Anfang 2004 wurde eine Erhöhung auf bis zu 3000 Pfund jährlich beschlossen.

Australien: Gerechte Studiengebühren?

1989 führte die damalige Labour-Regierung Studiengebühren von umgerechnet 1500 € pro Jahr ein. Als Bezahlungsmöglichkeiten bot man die einmalige Zahlung aller Gebühren im Voraus (upfront) bei einem Rabatt von 25%, sowie ein unverzinstes, der Inflation angepasstes Darlehen an. Die Rückzahlung des Darlehens richtete sich nach dem späteren Einkommen: Bis zum Durchschnittseinkommen von 19000 €, musste das Darlehen nicht zurückgezahlt werden, darüber wurden 3-5% des Verdienstes fällig. 1996 wurden einschneidende Änderungen vorgenommen, die die Ungleichheit noch vergrößerten: Die Einkommensgrenze für die Rückzahlung wurde auf 13000 € heruntergeschraubt und der Prozentsatz am Jahreseinkommen auf bis zu 6% gesteigert. Was allerdings noch schwerer wog, war die Heraufsetzung der Gebühren für Neuanfänger. So muss man mittlerweile in den Geisteswissenschaften 4000 € und in Jura und Medizin sogar 7000 € pro Jahr bezahlen. Im gleichen Zuge wurden den Universitäten die staatlichen Zuschüsse gekürzt, wofür sie als Ausgleich bis zu 25% der Plätze „upfront“ verkaufen durften, allerdings zu einem Preis von jährlich 13000 €. Damit wurde faktisch für reiche Studenten eine Möglichkeit geschaffen, sich trotz schlechter Schulnoten einen Ausbildungsplatz zu erkaufen.

Frankreich: Schärfste soziale Selektion trotz Gebührenfreiheit

Um einschätzen zu können, welche Folgen die Etablierung eines Elitebildungssystems für die deutsche Bildungslandschaft hat, ist es außerdem wichtig das französische Bildungswesen zu betrachten, da es im Kern staatlich organisiert ist.

Von zentraler Bedeutung sind die sogenannten Grandes Écoles. Sie zeichnen sich wie ihre privaten Äquivalente in den USA ebenso durch eine besonders scharfe Auslese ihrer Studierenden aus. Die Absolventen haben zudem überdurchschnittlich gute Chancen einen Spitzenposten in einem Unternehmen oder im Staatsdienst zu besetzen. Obwohl nur

100 000 der 2.1 Millionen Studierenden an einer dieser Universitäten sind, haben 70 % der Vorstandsvorsitzenden (PDG) der 100 größten französischen Unternehmen und fast alle Minister und hohen Beamten ihren Abschluss auf einer Grande École erworben, allein 2/3 der PDG auf den drei angesehensten Universitäten mit wenigen hundert Studierenden. Die Gründe hierfür liegen in einer sozialen Vorauslese an den Schulen und an den besonderen Aufnahmebedingungen der Grandes Écoles mit den persönlichen Auswahlgesprächen.In diesen Gesprächen zählen anders als in schriftlichen Tests personenspezifische Merkmale wie gutes Allgemeinwissen, die Beherrschung bestimmter Umgangsformen und v.a. ein souveränes Auftreten. Sie lassen sich unter der Maxime zusammenfassen, dass man auf Seiten der Entscheider seinesgleichen sucht.

Die Seilschaften der Mächtigen: Folgen eines Elitebildungssystems

Ein weiteres gravierendes Problem eines Elitebildungssystem ist die zunehmende Konzentration der Gelder an den Vorzeigeuniversitäten. Die Grandes Écoles vereinen mehr als ein Drittel der staatlichen Gelder auf sich, obwohl sie nicht einmal jeden zwanzigsten Studierenden ausbilden. Auch wenn in Deutschland nie ein Harvard oder eine ENA stehen wird, haben die nach dem Wunsch der Regierung in den Wettbewerb tretenden Universitäten bereits heute aufgrund ihrer geographischen Lage und ihrer Nähe zur Industrie eine unterschiedliche Attraktivität und finanzielle Ausstattung mit Drittmitteln. Die besseren Schulabgänger entscheiden sich für die besseren Universitäten und wenn dann eine von den Leistungsquoten der Universität abhängige Finanzierung eingeführt wird, führt dies zu einer Hierarchisierung und de facto zu einem System wie in den USA oder Frankreich.

Ein letzter, weniger offensichtlicher, aber wichtiger Nachteil ist die zunehmende Entfernung der Eliten von den Problemen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Abgänger der Public Schools, Grandes Écoles oder Ivy League Universitäten (Zusammenschluss der acht ältesten Eliteuniversitäten der USA) haben ihre Ausbildung fast ausschließlich zusammen mit Menschen der gleichen sozialen (Ober)Klasse absolviert, und dementsprechend schwer fällt es ihnen sich in die Köpfe „normaler“ Bürger hineinzudenken und Verständnis für ihre Probleme aufzubringen. Ausgesprochene Arroganz und Kritikresistenz sind die Folgen. Außerdem entstehen bereits in der Schule oder Hochschule Bekanntschaften, die sich im Berufsleben fortsetzen und eine Verflechtung von Wirtschaft und Staat herstellen, die allen Arten von Lobbyismus und Korruption Tür und Tor öffnet.

Skandinavien: Gute Bildung für alle

Nach der Betrachtung der Bildungswesen in drei der fünf führenden Industriestaaten bleibt die Frage offen, ob es eine gerechtere und effiziente Alternative zum in diesen Ländern dominierenden System der Elitebildung gibt. Zur Beantwortung muss man wie so oft in Bildungsfragen nach Skandinavien schauen.

In den drei nordischen Ländern ist das Studium grundsätzlich gebührenfrei (in Finnland und Schweden sind Studiengebühren sogar per Gesetz verboten) und es werden außerdem fast alle Studierenden mit einem vom Einkommen der Eltern unabhängigen Grundbetrag gefördert. Dieser deckt zwischen 30 und 80% des Lebensunterhalts. Dadurch kommen wesentlich mehr Studierende in den Genuss staatlicher Förderung als in Deutschland, wo nur etwa 25% BaföG erhalten. Zusätzlich kann jeder Studierende für maximal sechs Jahre ein niedrig verzinstes Darlehen aufnehmen, das nach dem Studium ab einem festgelegten Mindestverdienst mit ca. 4% des Einkommens zurückgezahlt wird. Die Stipendien und Darlehen sind wie das deutsche BaföG an Leistungsnachweise gekoppelt, die einen gewissen Fortschritt im Studium signalisieren. Die Verhältnisse sind in allen Staaten ähnlich und neben den erwähnten Unterstützungen sind auch soziale Leistungen für die Studierenden beispielhaft entwickelt. So kann z.B. jeder finnische Studierende für einen Semesterbeitrag von 60 € u.a. eine fast kostenlose Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen und für den halben Preis Bahn fahren. Kritische Stimmen bemängeln die zu ausgedehnten Privilegien, doch sind die durch Missbrauch entstehenden Schäden im Vergleich zu den positiven Folgen eines freien Hochschulzugangs und einer umfassenden Förderung zu vernachlässigen. Das System führt besonders im Zusammenspiel mit den vorbildlichen Schulmodellen zu einer geringen sozialen Selektion und einer hohen Zahl von Hochschulabsolventen und damit zu einer großen Zahl gut ausgebildeter Akademiker und Facharbeiter. Durch eine soziale Öffnung des Bildungswesens werden außerdem das in der Gesellschaft verteilte Wissen und die Talente der Menschen bestmöglich genutzt. Grundlage dafür ist eine Hochschulfinanzierung, die den Ansprüchen des Informationszeitalters noch gerecht wird. Der Anteil der Ausgaben für Hochschulen an den öffentlichen Gesamtausgaben beträgt in diesen Ländern ca. 4%, in Deutschland hingegen nur 2,3% (OECD-Durchschnitt:3,0%) Zur Deckung dieser Ausgaben werden im Gegensatz zu Deutschland große Vermögen und Erbschaften besteuert, und die Steuersätze für Spitzenverdiener sind, wie auch das generelle Steuerniveau, höher.

Die großen Industrieländer zeigen, dass ein Elitebildungssystem die Vorteile der Kinder aus sozial bessergestellten Familien zementiert. Die Breitenbildung wird vernachlässigt und es bilden sich elitäre Kreise, die den Demokratiegedanken ad absurdum führen.

Studiengebühren sind, wie immer die Einstiegsmodelle auch aussehen, für den Staat stets ein Vorwand, sich aus der Bildungsfinanzierung zurückzuziehen und sie dienen dazu die Kinder aus reichen und wohlhabenden Familien vor der öffentlichen Bildungsmisere zu bewahren, indem sie eine Hierarchisierung der Hochschullandschaft herbeiführen.

Bildung als öffentliches Gut darf aber nicht zum Privileg einiger Weniger werden und daher gilt es gegen die politischen Richtungsvorgaben und gegen die öffentlichen Meinungsbildner Stellung zu beziehen, und sich für einen freien Hochschulzugang wie in Skandinavien zu engagieren.

hier gehts zur Langfassung mit vertiefenden Informationen und Hintergründen zum Thema

von Urs Hartmann



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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