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Kann es eine unpolitische Wissenschaft geben?

Politisches Mandat

Der den PM-Prozessen zugrundeliegende Wissenschaftsbegriff

Vortrag von Torsten Bultmann (BdWi) im Rahmen der Kampagne für Politik und Meinungsfreiheit des ASTA der FU Berlin (3.12.98, 18.00 Uhr Rost-/Silberlaube)

Liebe KollegInnen,
In den bisherigen Auseinandersetzungen um die PM-Klagen (so wie sie sich mir dargestellt haben) wurde von den betroffenen ASten immer hervorgehoben, daß es von der Sache her absurd sei, Hochschulpolitik und Allgemeinpolitik mechanisch entgegenzustellen. Dem stimme ich zu. In der Auseinandersetzung um das PM geht es folglich nicht um die Frage “Politik ja oder Nein?” sondern um die Frage “Welche Politik setzt sich an der Hochschule durch?” Anders gesagt: Auf welche gesellschaftliche Interessen wird der Wissenschaftsprozeß ausgerichtet? Welche Interessen und Ansätze werden ausgegrenzt? Speziell die Auseinandersetzungen in Münster, etwa um das Interview mit Emil Carlebach, belegen plastisch, daß es in den entsprechenden Maßregelungen wegen vermeintlich mißbräuchlicher Wahrnehmung des PM durch Studierendenvertretungen immer auch um das Verbot bestimmter Fragestellungen und wissenschaftlicher Gegenstandsbereiche geht.

Historisch läßt sich dies auch dadurch belegen, daß das PM in dem Maße überhaupt zum Thema geworden ist, wie wachsende Teile der Studierenden in Opposition zu den herrschenden politischen Verhältnissen Westdeutschlands geraten sind. Das konstruierte Problem eines “Politischen Mandats” tauchte erstmalig Ende der 50er Jahre in den Auseinandersetzungen um die Remilitarisierung auf.

Auf diese Weise entsteht eine schizophrene Situation, die man so umschreiben kann, daß es gar nicht möglich ist, auf das PM zu verzichten. Wer das tut, nimmt damit zugleich auf andere Weise das PM wahr. Auch eine Unterlassung ist ein politisches Verhalten und Schweigen kann unter bestimmten Bedingungen ein Verbrechen sein. In der Bonner AStA-Zeitung AKUT (Nr. 29/30, Dez/Jan 1966/67) ist das relativ gut auf den Punkt gebracht: “Wer also auf das politische Mandat verzichtet, macht sich zum Sachwalter der Autorität, akzeptiert das Ihm zugewiesene Ghetto und bietet der Gesellschaft die Möglichkeit, die Universität nach Belieben zu manipulieren. Mit dem Lockruf, nur und ausschließlich die Interessen der Studenten vertreten zu wollen, ziehen diese trojanischen Pferde als fünfte Kolonne der Obrigkeit in die studentischen Selbstverwaltungen ein, wo sie mit Bienenfleiß alles verwalten, ohne etwas zu ändern.”1

Ich möchte im folgenden zu zwei Thesen argumentieren, die ich vorweg kurz benenne:

1. Im Kern geht es bei den PM-Auseinandersetzungen nicht um juristische Spitzfindigkeiten oder vordergründige Profilierungen politisch nicht mehrheitsfähiger konservativer Grüppchen, sondern um die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Den Angriffen auf das PM liegt – ebenso wie anderen Einschränkungen politischer Selbstorganisation an den Hochschulen – implizit ein bestimmter Wissenschaftsbegriff zugrunde. Dieser muß öffentlich problematisiert werden, um den Streit zu politisieren. Die Auseinandersetzung um das PM ist perspektivisch nur als Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft gewinnbar.

2. Heute unterstützen die PM-Klagen den Prozeß einer Neukonstituierung der Hochschulen als “Dienstleitungsbetrieb” für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Diesem Leitbild entspricht die Vorstellung einer Hochschulorganisation, welche sich a) durch ihre pure ökonomische und technische “Effizienz” rechtfertigt, welche folglich b) die Thematisierung alternativer oder konkurrierender politischer Optionen der Wissenschaftsentwicklung ausschließt, ergo in einem konstitutiven Sinne unpolitisch ist.

ad 1: Zum Wissenschaftsbegriff

Charakteristisch für die deutsche Wissenschaftstradition und die sie verkörpernden staatsnahen akademischen Eliten ist eine bestimmte Auffassung hinsichtlich des Verhältnisses von Wissenschaft, Gesellschaft und Staat. Als exemplarisches Beispiel dafür möchte ich die Festansprache von Professor Hartmut Schiedermair, dem Vorsitzenden des Deutschen Hochschulverbandes (der etwa zwei Drittel aller UniversitätsprofessorInnen vertritt), auf dem 45. Verbandstag 1995 in Mannheim zitieren. Schiedermair entwickelt dort in gewaltigen Worten unter Anwesenheit von Helmut Kohl eine Jahrhundertbilanz der deutschen Universitätsgeschichte. Diese reduziert er auf den immerwährenden Kampf zweier feindlicher Prinzipien. Das eine bezeichnet er als “Freiheit des Geistes”, das andere (negative) als “Prinzip der Parteilichkeit der Wissenschaft.” Die gesamte Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist aus dieser Perspektive durch den “unablässige(n) Zwang” bestimmt, “die eigene Lebensform als Einrichtung der Wissenschaft gegenüber den Erwartungen und Herausforderungen von Politik und Gesellschaft stets neu zu definieren und zu behaupten.” Für diesen Prinzipienstreit werden explizit zwei eskalierende Höhepunkte benannt. Der erste wird beschrieben als “die Auseinandersetzung mit jenem Prinzip der Parteilichkeit, mit dem ein korrumpiertes Staatswesen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 zum ersten Mal auf die Universitäten und ihre Wissenschaften zugegriffen hat.” Als zweiter Höhepunkt wird das Jahr 1968 angegeben, in dem “das Prinzip der parteilichen Wissenschaft in der marxistisch dominierten Studentenrevolte ..... eine irritierende Renaissance erfahren” hätte.2 Dann folgen noch einige Ausführungen zur DDR, in der das negative Prinzip sowieso mit der Staatsmacht identisch war.

Diese Konstruktion ermöglicht es unter wissenschaftspolitischen Gesichtspunkten Nationalsozialismus, (historische) 68er- Studentenbewegung (die explizit als “Renaissance” der Erfahrungen mit den Nazis benannt ist) und die DDR auf eine Stufe zu stellen, indem alle drei dem negativen Prinzip “Parteilichkeit der Wissenschaft” subsumiert werden.

Der Entlastungseffekt dieses Arrangements ist ganz enorm. Schließlich war ja etwa einer der Konstituierungsfaktoren der 68er-Bewegung die kritische Frage nach der Funktion der Universität und der Rolle der akademischen Eliten im NS-Regime. Wenn Schiedermair das Verhältnis von Nazis und Universitäten als eine solches des “Zugriffs” beschreibt, der logischerweise “von außen” erfolgt sein muß und damit (in dieser Formulierung) der Universität wesensfremd ist, kann die Frage nach der aktiven Kooperation eines erheblichen Teils der Professoren mit dem Faschismus, nach der Mobilisierung der Wissenschaft für die geopolitischen Ziel der Nazis, ebenso ausgeblendet werden, wie die daraus resultierende zusätzliche Frage, ob es vielleicht sogar eine Affinität zwischen Faschismus und universitärem Bildungsbürgertum gegeben haben könnte.

Die Position, die hier von konservativer Seite aufgebaut wird, läßt sich wie folgt umschreiben: Die Idee der deutschen Universität ist die zeitlose Verkörperung eines Prinzips, die Institution als solche ist sauber geblieben. Unangenehme Erscheinungen, die das Gegenteil beweisen könnten, können in dieser Perspektive als moralisches Fehlverhalten von einzelnen Personen deklariert werden, wodurch die Substanz der Institution eben nicht berührt worden sei. Innerhalb dieses Paradigmas fand nach 1945 unter dem geflügelten Wort “Die Universität ist im Kern gesund” keine Hochschulreform “an Haupt und Gliedern” statt sondern höchstens etwas, das man wohlwollend als modernisierte Restauration bezeichnen könnte.

Das dem zugrundeliegende, wie wir gesehen haben: bis heute nachwirkende, Wissenschaftskonzept läßt sich in zwei Punkten umreißen.

  • aus der Unterscheidbarkeit von Wissenschaft und Politik wird ein antagonistischer Gegensatz gemacht;3
  • dieser ausschließenden Entgegensetzung von Wissenschaft und Politik entspricht die institutionelle Trennung von wissenschaftlicher Theoriebildung (an der Universität) und gesellschaftlicher Praxis (irgendwo “draußen”).

Auf diese Weise ist es möglich, Probleme der Aneignung und Verwertung von Wissenschaft durch bestimmte gesellschaftliche Interessengruppen bzw. Probleme, die sich aus der Wirkung von Wissenschaft in der Gesellschaft ergeben, als “politisch” zu deklarieren und damit als “nicht wissenschaftlich” bzw. nicht zum Aufgabenspektrum der Universität gehörig. Anders gesagt: die Thematisierung eines bestimmten gesellschaftlichen Gebrauches der Wissenschaft innerhalb der Hochschule läßt sich als wissenschaftswidrige “Politisierung” (ggf. juristisch) an den Rand drücken. Diese Konstruktion ist folglich gleichbedeutend mit der Ent-Politisierung des jeweils konkret dominierenden Verhältnisses von etablierter Wissenschaft, Politik und Ökonomie.4

Dieser Wissenschaftsbegriff hat auch die Hochschulreformperiode überlebt. Er wurde gerade in den Auseinandersetzungen der 70er Jahre juristisch mobilisiert, um ein bestimmtes hochschulinternes Niveau an konflikthafter Politisierung der Wissenschaft wieder zurückzudrängen. In Berufsverboten und Berufungsauseinandersetzungen haben damals Verwaltungsgerichte originäre Wissenschaftstheorie getrieben. Im damaligen Berufsverbotsverfahren gegen den Assistenten Wolfgang Lefèvre produzierte etwa das OVG Berlin am 10.6.1976 einen Spruch, in dem u.a. ausgeführt wurde: “Die Grenze (des durch Art.5 Abs.3 GG geschützten Freiheitsraumes) ....... liegt dort, wo die betrachtend gewonnenen Erkenntnisse zu Bestimmungsgründen politischen Handelns gemacht werden.... Sobald ein solcher Wissenschaftler die politische Aktivität des Hörers oder Lesers anspricht - gleichgültig, ob innerhalb oder außerhalb von Lehrveranstaltungen - ist der Freiheitsraum .... überschritten.”5

Diesem Wissenschaftsbegriff korrespondiert eine bestimmte Gesellschaftsauffassung. Der Trennung von “reinem” Denken und (gesellschaftlicher) Anwendung entspricht die soziale Konstruktion eines Elitemodells, bei der ein bestimmter Personenkreis einen privilegierten Zugang zur Wahrheit besitzt, und zwar ein Personenkreis, der selbst keine Interessen hat und daher im Prozeß der Wahrheitssuche etwas völlig “zweckfreies” und unpolitisches treibt. Auf diese Weise konstituiert sich die Gemeinschaft der Professoren in der Universität als “Lebensform” (s.o.).

Damit hat es eine spezifische Bewandtnis: Privilegieren kann man sich nicht selbst, privilegiert wird man im Sinne einer Elitenkooptation. Privilegien müssen/können nur garantiert werden durch das Recht, d.h. in letzter Konsequenz durch den Staat. Daraus ergibt sich eine spezifische Nähe zwischen akademischer Elite und Staatsmacht. In diesem Wissenschaftskonzept widerspiegelt sich in gewisser Weise der gesamte Entwicklungsweg des deutschen Bürgertums in einem untertänigen Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts, was zuweilen als “deutscher Sonderweg” bezeichnet wird. Diesen kann ich hier natürlich nicht in epischer Breite schildern; ich will aber auf zwei Punkte hinweisen, die auch in den aktuellen Auseinandersetzungen noch eine Rolle spielen.

Der staatliche Schutz der Professorengemeinschaft als “Lebensform” im zitierten Sinne wird in diesem Kontext gleichgesetzt mit der sog. “Autonomie der Wissenschaft” und auf Humboldt zurückgeführt. Tatsächlich bedeutet “Autonomie” bei Humboldt ausdrücklich nicht die Unabhängigkeit der Universität vom Staat, sondern von der sog. “bürgerlichen Gesellschaft” (Hegel). Diese wurde bestimmt als Sphäre der unmittelbaren Verfolgung von Privatinteressen, d.h. von (kommerziellen) Geschäften und sonstigen Nützlichkeitserwägungen. Der Staat galt in der damaligen zeitgenössischen Philosophie definitiv nicht als politisches Gebilde sondern als Verkörperung der “sittlichen Vernunft” bzw. eines metapolitischen “Gesamtinteresses”, welches ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend mit “Nation” und “Volk” umschrieben wurde. Dieses spezifische Verhältnis zum Staat charakterisiert die deutsche Wissenschaftstradition (im Unterschied etwa zur angelsächsischen). Es gab folglich in ihr keinen Widerspruch zwischen Staatsbindung und “Zweckfreiheit” der Wissenschaft im Hinblick auf die Gesellschaft. Durch diese staatliche Privilegierung wurden die Professoren als Stand sogar über die Gesellschaft gestellt und konnten sich berufen fühlen, in besonderer Weise die Belange der “Nation” zu verkörpern.6 Der berüchtigte kriegshetzerische Aufruf “Zur Verteidigung der Kultur”, welcher Ende 1914 von der (numerischen) Mehrheit der deutschen Professoren unterzeichnet wurde, stand in diesem Sinne nicht im Widerspruch zu deren Selbstdefinition als “unpolitischer” Berufsstand.

Bisher ist es weder Politik noch Justiz gelungen, den Widerspruch zu “beseitigen” (Wie denn auch?), daß die “Freiheit der Wissenschaft” gemäß Grundgesetz Art 5,3 einerseits ein (subjektives) Grundrecht ist, andererseits ein Privileg, das vom Staat für eine bestimmte Personengruppe verliehen (und folglich entzogen) werden kann. Ein Privileg ist kein Recht sondern dessen Gegenteil. Auf diesen Widerspruch, der nur im Prozeß der Demokratisierung der Hochschule “aufgelöst” werden kann, wies bereits die SDS-Denkschrift “Hochschule in der Demokratie” hin: “Im Rahmen einer Bewegung zur sozialen Demokratie wird so die Autonomie der Institution zum Schutzschild gegen ihre Entfaltung zu einer demokratischen Institution und der von ihr umgebenen subjektiven Rechte, wobei mit Autonomie dann lediglich die Versteinerung gewachsener Ordnungen und deren Exemtion aus dem Demokratisierungsprozeß der Gesellschaft gemeint ist.”7

ad 2: Politisches Mandat und ökonomische Deregulierung der Hochschulen.

Die Frage ist, warum PM-Klagen nach Phasen längerer, häufig langjähriger, “Ruhe” immer in ganz massiver, konzentrierter und eindeutig kampagnenmäßig koordinierter Form in Erscheinung treten? Und: warum ist dies gerade aktuell wieder der Fall? Ich kann dazu keine Verschwörungstheorie anbieten; möchte allerdings auf einen evidenten Zusammenhang aufmerksam machen: zwischen a) dem Interesse an einer Unterbindung politischer Aktivitäten und b) der herrschenden neoliberalen Politikvariante.

Hochschulpolitik hat in den letzten Jahren primär die Erscheinungsform von Verteilungspolitik angenommen, anders ausgedrückt: von Verteilungskämpfen um immer knappere Ressourcen. Meine These: Jede spezifische Verteilungsentscheidung ist politisch! Es gibt keine optimale Verteilung von Finanzmitteln, die sich aus irgendeiner “Logik der Wissenschaft” oder einem “reinen” Erkenntnisstreben" begründen ließe. Wohin folglich das Geld an den Hochschulen fließt, das hat immer etwas mit einer Bevorzugung bestimmter fachlicher oder gesellschaftlicher Schwerpunkte gegenüber einer analogen Begrenzung oder Ausblendung anderer möglicher Themen zu tun. Diesem Sachverhalt liegen folglich implizite politische Annahmen der jeweiligen Entscheidungsträger zugrunde. Dies soll aber möglichst nicht so deutlich werden. Meine Komplentärthese zur letzten These lautet daher: Je knapper die Mittel, je größer die Konkurrenz, umso größer das Interesse – sowohl innerhalb der akdemischen Eliten, als auch innerhalb der staatlichen Wissenschaftsbürokratie – wissenschaftpolitische Entscheidungen “sachzwanglogisch” zu begründen bzw. diese Entscheidungen vom Aufwand politischer Legitimation zu entlasten!

Im Kern läuft der Gesamtprozezeß der Deregulierung der Hochschulen, dessen Zeugen wir alle gegenwärtig sind, darauf hinaus, ein politisches Verhandlungsmodell in Gestalt des historischen Kompromisses der sog. “Gruppenuniversität” durch ein reines ökonomisches Ressourcenmanagement abzulösen, welches sich durch seine pure Effizienz legitimiert. Diese These scheint beim ersten Hinhören nicht mit meiner vorausgehenden Argumentation übereinzustimmen. Schließlich war in den bisherigen, spezifisch von der deutschen Wissenschaftstradition geprägten, Auseinandersetzungen um das Politische Mandat die tragende Denkfigur eine Entgegensetzung von “Zweckfreiheit” und “Politisierung” der Wissenschaft. Eine ökonomisch effiziente Standort-Wissenschaft läßt sich um den Preis der Lächerlichkeit natürlich nicht als “zweckfrei” charakterisieren. Tatsächlich ist es so, daß aktuell eine Denkfigur in den Vordergrund tritt, die im Streit, wie er in den 60er- und 70er-Jahren um das PM geführt wurde, zwar schon vorhanden war, aber eher latent oder “in der zweiten Reihe”. Repräsentiert war sie überwiegend in den Natur- und Technikwissenschaften, während die Offizialideologie der deutschen Universitätstradition vor allem “geisteswissenschaftlich” geprägt ist. Es handelt sich um eine Auffassung von Wissenschaft als einer technischen Funktion, die sich durch ihre pure instrumentelle Wirkung (Effizienz) legitimiert und sich insofern gegen politische Bewertungen sperrt. In Verbindung mit der neoliberalen Politikvariante scheint dieses Konzept, welches eher mit dem Berufsbild des Ingenieurs als dem des Gelehrten vereinbar ist, zunehmend in den Vordergrund zu rücken. Es läßt sich logischerweise nicht vereinbaren mit dem Modus der “Zweckfreiheit”, wohl aber mit dem Modus des “Unpolitischen”. Auf diese Weise werden Kontinuität und Diskontinuität zu den traditionellen Vorstellungen von “Autonomie der Wissenschaft” sichtbar.

Unnachahmlich formulierte diese aktuell politisch relevante gemeinsame “Schnittmenge” eines konservativen und eines neoliberalen Standpunktes der ehemalige West-Berliner Wissenschaftssenator George Turner im Handelsblatt (31.5.96): “Als ein wesentliches Hindernis zur Effizienzsteigerung der Hochschulen erweist sich die Entscheidungs- und Gremienstruktur. Die Hochschulen sind nicht aufgabenorientiert, sondern politisch konstruiert.” Die Aussage suggeriert, es gäbe so etwas wie eine Aufgabe der Hochschule “an sich”, welche jenseits gesellschaftlicher und politischer Vereinbarungen bestimmbar sei. Die sehr praktische Konsequenz dieser ideologischen Problembeschreibung besteht darin, erstens Aufgabenbestimmungen in Forschung und Lehre durch Abbau politischer Partizipationsstrukturen aus der (hochschul-) politischen Öffentlichkeit in diskrete Professorenstäbe zurückzuverlagern; zweitens “Sachzwänge” des ökonomischen Systems von politischem Legitimationsdruck zu entlasten und hochschulintern als genuine “Aufgabe” der Wissenschaft “an sich” zu präsentieren.

Wie dieser technokratische Mechanismus der Ent-Politisierung konkret funktioniert, möchte ich abschließend an einem Beispiel verdeutlichen. Der hochschulpolitisch sehr einflußreiche Chef des Bertelsmann-Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), Detlef Müller-Böling, verkündigte etwa in der Süddeutschen Zeitung (21./22.2.98) unumwunden, “daß die Gruppenhochschule gescheitert ist. Von vornherein lag ihr die falsche Vorstellung zugrunde, Hochschulen seien Institutionen der demokratischen Austragung von Interessengegensätzen....” Stattdessen müßten sich die diesen Konflikten zugrundeliegenden “Einzelinteressen .... in ein Gesamtinteresse einordnen.” An anderer Stelle führte er dies analytisch aus: “Erstens muß bezweifelt werden, daß die Gruppeneinteilung in Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter, nichtwissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren eine allgemeingültige Abgrenzung ist, die problemorientiert auf Dauer trägt. Mit den Frauen, den Ausländern und den Behinderten sind in den letzten Jahren neue Interessengruppierungen aufgetreten, die durch Beauftragte in Verbindung mit prozessualen Vorschriften und Vetorechten eher systemfremd in das Partizipationssystem integriert wurden.”8

Die Logik ist klar: Je vielfältiger die organisiert auftretenden Interessen, umso “sachwidriger” die Entscheidungen. Dem politischen Repräsentationsmodell wohnt nach Müller-Böling sogar eine Eigendynamik inne, derzufolge sich immer weitere “Sonderinteressen” ausdifferenzieren, womit sich die Hochschulstrukturen entsprechend immer weiter von ihren Aufgaben entfernen. Gefragt wird folglich nicht nach der Legitimität der jeweiligen Interessen, also etwa danach, ob es frauendiskriminierende patriarchalische Strukturen im Wissenschaftsbetrieb gibt; Interessen werden lediglich im Hinblick auf ihre Funktionalität für einen unbegründet vorausgesetzten “Zweck” der Hochschule bewertet, der an anderer Stelle als “Gesamtinteresse” bezeichnet ist. Wenn jedoch dieses “Gesamtinteresse” kein Resultat von transparenten Willensbildungs- und Kompromißfindungsprozessen zwischen konkukurrierenden gesellschaftlichen Interessen und unterschiedlichen Interessen an der Hochschule, d.h. der konkreten politischen Konfliktregelung ebendort, ist, was ist es dann, woher kommt es, und wer bestimmt es? Entweder eine politisch nicht legitimationspflichtige “Elite”, die etwa in Gestalt sog. “Hochschulräte” die traditionellen Selbstverwaltungsstrukturen ersetzt, oder aber es handelt sich bei diesem “Gesamtinteresse” um die unvermittelte Kapitallogik, d.h. das indirekte Resultat der ökonomischen Bewertung von Hochschulleistungen auf dem “Markt”. Beide Annahmen schließen sich nicht etwa aus, sondern verhalten sich in der politischen Konsequenz einer Zerschlagung der “Gruppenuniversität” komplementär zueinander.

In diesem Kontext müssen die PM-Klagen interpretiert werden. Es geht nicht allein um die juristische Unterdrückung bestimmter politischer Meinungen, weil diese irgendjemandem nicht passen. Es geht um den generellen Abbau politischer Strukturen, aller Formen der Interessenvertretung und demokratischen Selbstorganisation, weil diese funktionswidrig die Entfaltung optimaler Standortqualitäten der Hochschule “stören”. Auf diese Weise schließt sich der Kreis zu meiner Eingangsthese, daß der Kampf um das Politische Mandat in letzter Konsequenz nur als Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft gewonnen werden kann. Ich danke für die Aufmerksamkeit!
Anmerkungen

1 zit. nach: Stephan Leibfried/Ulrich K.Preuß: Wissenschaft als gesellschaftliche Praxis im Interesse der Emanzipation – Thesen zum politischen Mandat der Studentenschaft; in: Stephan Leibfried (Hrsg.): Wider die Untertanenfabrik, Köln 1967, S. 340-352 (hier: S. 342)

2 Hartmut Schiedermair: Chancen der Forschung in Deutschland, Staat-Universität-Wirtschaft, in: Forschung und Lehre 5/1995, S.253

3 Morus Markard hat in seinem Vortrag innerhalb dieser Veranstaltungsreihe deutlich gemacht, daß es einer Bestimmung der Wissenschaft im politischen Kontext, keineswegs darum geht, Wissenschaft und Politik/Ideologie identisch zu setzen (wie von konservativer Seite im Regelfall unterstellt wird). Die Unterscheidung von Wissenschaft und Politik ist sogar gesellschaftlich notwendig, damit Wissenschaft eine emanzipatorische Funktion für gesellschaftliche Entwicklung haben kann. Es muß folglich auch in den PM-Auseinandersetzungen immer um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik gehen. Vgl.: Morus Markard: Über den Zusammenhang von Wissenschaft, Macht und Politik; in: AStA FU Berlin (Hrsg.), Neues Dahlem spezial: Wissenschaft, Macht, Politik, Berlin 1998 (Dokumentation der Veranstaltung vom 10.11.98 an der FU Berlin)

4 Die "Elfenbeinturm"Metapher, die in der Folge der 68er Bewegung zum geflügelten Wort wurde, meinte daher in ihrer kritischen Stoßrichtung gegen den versteinerten akademischen Betrieb keineswegs, daß dieser völlig nutzlos im Sinne von “überflüssig” oder gesellschaftlich irrelevant sei. Im Gegenteil: die Kritik zielte vielmehr auf den Sachverhalt, daß unter dem Deckmantel von “Autonomie” und “Freiheit der Wissenschaft” der reale gesellschaftliche Gebrauch der Wissenschaft, d.h. die Kooperation der akademischen mit den politischen und wirtschaftlichen Elite, verschleiert würde.

5 zit. nach: Heinrich Marvin, Hans-Joachim Theißen, Werner Voigt: Die NofU <= “Notgemeinschaft für eine freie Universität”>: Arbeitsweise der Rechtskräfte an der Universität; in: das Argument 109/1978, S.407 (in diesem Aufsatz finden sich zahlose Zeitdokumente der zitierten Art)

6 vgl. dazu auch die recht ausführliche (und bis heute überzeugende) historisch-kritische Argumentation in: Wolfgang Nitsch, Uta Gerhardt, Claus Offe, Ulrich K.Preuß: Hochschule in der Demokratie, Berlin 1965 (= “SDS-Hochschuldenkschrift”); etwa S. 182: "Nachdem durch die Wendung ins Institutionelle der bürgerlichen Freiheit der Stachel genommen ist, läßt sich Autonomie gegenüber dem Staat und Hierarchie im Innern ohne Schwierigkeiten verbinden. Entsprechend der heutigen Tendenz der Schwerpunktverlagerung des Rechts vom subjektiven Recht zur objektiven Ordnung und der gliedhaften Erfassung des Individuums, versteht sich die Universität im Bewußtsein ihrer führenden Rechtsideologen als Ausfluß der höchsten Institution, der ‘Institution der Institutionen’, wie C. Schmitt den Staat Hegels zustimmend bezeichnet hat. Sie ist selbst ein Stück Staat und bedarf, da sie dessen Prinzipien in sich bewahrt, nicht der ständigen staatlichen Intervention zur Herstellung innerer Ordnung. Sobald der Staat ihrer Loyalität versichert sein darf, beschränkt er sich auf Rechtsaufsicht."

7 Wolfgang Nitsch et al. a.a.O. S. 174

8 Detlef Müller-Böling, Tilman Küchler: Zwischen gesetzlicher Fixierung und gestalterischem Freiraum: Leitungsstrukturen für Hochschulen; in: Detlef Müller-Böling, Jutta Fedrowitz (Hrsg.), Leitungsstrukturen für autonome Hochschulen, Gütersloh 1998, S. 29

Ich würde, auf die Gefahr hin, daß sie mich einen Philosophen schelten, der ich nun einmal bin, sagen, daß die Gestalt, in der Mündigkeit sich heute konkretisiert, die ja gar nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, weil sie an allen, aber wirklich an allen Stellen unseres Lebens überhaupt erst herzustellen wäre, daß also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, daß die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist.
(Adorno, T. W. - Erziehung zur Mündigkeit)



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