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England: Erhöhung der Gebühren

Studiengebühren

„Genug ist nicht genug“

Vom Herbst nächsten Jahres an wird studieren in England noch teurer. Infolge einer ebenso radikalen wie umstrittenen Reform des Gebühren-Systems durch Toni Blairs Labour-Regierung steigen die „Tuition Fees“ bei fast allen englischen Hochschulen auf 3.000 Pfund (4.300 Euro) im Jahr.

Bei dieser stattlichen Summe aber dürfte es kaum bleiben. Gewimmt Blair die für Mai dieses Jahres erwarteten Unterhaus-Wahlen, rechnet man mit einer baldigen weiteren und dramatischen Aufstockung der Gebühren – trotz aller gegenteiligen Versicherungen der Regierung. Englands Elite-Universitäten jedenfalls würden schon heute gern ihren Studenten alljährlich 10.000 Pfund (14.300 Euro) pro Nase abknöpfen: Solche Summen seien nötig, argumentieren sie, um die wirklichen Kosten von Forschung und Lehre zu decken und die Insel-Hochschulen international konkurrenzfähig zu halten.

Chronischer Geldmangel

In der Tat war es der chronische Geldmangel der Hochschulen, der die Blair-Regierung zu ihrer neuen Gebühren-Politik veranlasste. Nach einem halben Jahrhundert sprunghaft steigender Studentenzahlen (von vier auf 45 Prozent eines britischen Jahrgangs), und einem viertel Jahrhundert relativ magerer staatlicher Zuwendung, nahm sich die Lage an den Universitäten einigermaßen kritisch aus, als Labour 1997 an die Macht kam. Mit nur halb so viel Staatsausgeben für höhere Bildung, wie sie etwa die USA ihren Universitäten zukommen ließen, sahen die Insel-Hochschulen äußerst pessimistisch in die Zukunft.

Blair Regierung, die „Education“ zum Kernbegriff ihrer Wahlkampagnen erhob, suchte den Unis mit einer kräftigen Geldspritze aufzuhelfen. Gleichzeitig entschied sie, dass ein neues Zahlungssystem vonnöten war, bei dem die künftigen Akademiker selbst stärker zur Kasse gebeten werden sollten. Zentrale Idee war dabei, das die Studiengebühren kräftig angehoben, von den Betroffenen aber erst nach dem Abschluss des Studiums eingefordert werden sollten, wenn sich akademische Bildung in guten Jobs (und Einkommen) auszahlen würde.

Die vor zwei Jahren beschlossene Regelung, die im September 2006 in Kraft treten wird, sieht deshalb vor, dass jede der 89 englischen Hochschulen Gebühren für ihre diversen Studiengänge flexibel festsetzen darf – mit einer einstweiligen Obergrenze von 3.000 Pfund pro Person und Studienjahr. Zu zahlen sind die Gebühren nach Studienabschluss, sobald die Jahreseinkommen der Betreffenden 15.000 Pfund (21.450 Euro) überschreiten. Neun Prozent dessen, was über dieser Grenze liegt, ist von diesem Zeitpunkt an abzuführen; wer weniger oder gar nichts verdient muss auch nicht zahlen. Die meisten Ex-Studenten würden ihre Schulden binnen 13 Jahren begleichen, schätzt die Regierung. Nach 25 Jahren erlischt die Zahlpflicht schließlich ganz.

Mit einem komplexen System des Gebührenerlasses und der Förderung von Studenten aus sozial schwachen Familien hat sich die Labour-Regierung dem Vorwurf zu entziehen versucht, mit den neuen „Mammut-Gebühren“ gerade die Schichten abzuschrecken, denen sie höhere Bildung gern erschließen würde. Tatsächlich fallen die Gebühren für nahezu zwei Fünftel aller Studierenden ganz weg – das heißt, sie werden von entsprechenden Zuschüssen aufgewogen. Trotzdem glauben Blairs Kritiker in der eigenen Partei wie in der Opposition, das die Reform die Ungleichheit im Lande eher verstärken als abbauen wird.

Nach dem Examen verschuldet

„Die Wahrheit ist doch“, formulierte es jüngst der Hochschul-Sprecher der Tories, Chris Grayling, „dass die große Mehrheit der Studenten nach dem Abschluss mit höherer Verschuldung und größeren finanziellen Problemen konfrontiert sein werden.“ Skeptisch sind derweil auch die Universitäten, die nach Abzug der von ihnen zu zahlenden „Sozial-Zuschüsse“ von den neuen Studiengebühren mit einer Erhöhung ihrer Gesamt-Einnahmen um höchstens zehn Prozent rechnen können. Um eine baldige weitere Erhöhung der Studiengebühren werde man nicht herum kommen, meinen die Hochschulen.

Aktuellen Umfragen zufolge kann auch von einem „Hochschulmarkt“ der konkurrierenden Bildungseinrichtungen, wie er der Regierung ursprünglich vorschwebte, keine Rede sein. So gut wie alle Unis wollen nämlich für durchweg alle Studiengänge die Maximal-Gebühr von 3.000 Pfund erheben. Nur eine einzige Hochschule, die Leeds Metropolitan, denkt an eine „attraktive“ Studiengebühr von 2.000 Pfund.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 25. Januar 2005, Nr. 20, S. 25

Von Peter Nonnenmacher

Ich wünsche Ihnen, dass Sie schnell Karriere machen und viele Männer abschleppen.
(Udo Corts, ehemaliger Wissenschaftsminister von Hessen)



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