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Eine kurze Geschichte der Verfassten Studierendenschaft

Verfasste Studierendenschaft

Erste Ansätze der verfassten Studierendenschaft (VS) gab es schon im 19. Jahrhundert (z.B. der vom Königreich Württemberg 1821 anerkannte, frei gewählte “Tübinger Studentenausschuss”). Eine systematische Ausweitung der Idee, die Studenten in Studentenschaften zu vereinen, lag jedoch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend in den Händen von Burschenschaften. Aus dem Kleinbürgertum bildete sich darauf hin eine liberale frei-studentische Bewegung, die zum Ziel hatte, jenseits von Burschenschaften eine Vereinung der Studierenden zu erreichen.

So gab es zuerst beim “Freistudententag” 1906 in Weimar die Forderung einer “Einigung der Gesamtstudentenschaft zu einer in sich geschlossenen, selbständigen Körperschaft, die an jeder Hochschule als Ganzes neben dem Lehrkörper, der Gesamtheit der Dozenten, behördlich anerkannt wird und gleich diesem einen wesentlichen Bestandteil des Hochschulkörpers mit einer eigenen, gesetzlich festgelegten Verfassung bildet.” (zitiert nach: Schulze/Ssymank 1932:420)

Weiter wurde im Jahre 1913 gefordert, einen für alle Studenten verbindlichen “Ausschuss” auf parlamentarischer Grundlage zu gründen. Hier liegt die historische Quelle des “AStA”, d.i. bekanntlich der Allgemeine Studentenausschuss. Nach dem ersten Weltkrieg nahm die Bedeutung der gegründeten Studentenvertretungen zu, z.B. durch die Einrichtung von Wohnungsämtern, der Gründung von Mensen etc. 1919 gab es dann den ersten “Allgemeinen Studententag Deutscher Hochschulen”, bei dem der Dachverband "Deutsche Studentenschaft) gebildet wurde. Die Studentenausschüsse sollten demzufolge in besonderer Weise die Interessen der Studenten (und auch der Studentinnen, deren Anteil mittlerweile schon bei 9% lag) vertreten und definierten sich als die “aus allgemeiner gleicher Wahl aller eingeschriebenen deutschen Studierenden hervorgegangenen Vertretungen” (zitiert nach Kalischer 1966:115): Die Idee des Studentenparlaments manifestierte sich hier.

Die ideologischen Gegensätze (und die daraus resultierenden zerreibenden Konflikte der Studierenden untereinander) bereiteten das Feld für eine Übernahme der “Deutschen Studentenschaft” durch die Nationalsozialisten 1933 vor. Während unter dem Nazi-Regime die VS zwar flächendeckend institutionalisiert wurde (vgl. Keller 2000:74ff.), gerieten die ehemaligen Ziele der demokratischen studentischen Selbstverwaltung zu einer bloßen Farce: Es ging einzig noch um die politische Gleichschaltung und soziale Disziplinierung der Studierenden.

Im Oktober 1945 wurden daher die nationalsozialistisch-verkommenen Studentenschaften vom Kontrollrat der Alliierten aufgelöst und kurz darauf neu initiiert, um damit eine politische ‘Umerziehung’ zu erreichen. So schreibt Adam, dass der rasche Aufbau der stud. Selbstverwaltung als “Übungspfad für die spätere Beteiligung am öffentlichen Leben” (Adam 1965:4) gedacht wurde. Dazu kam das Motiv, durch die Studentenschaften eine Unterstützung gegen die “restaurativen Tendenzen in der Professorenschaft” (Keller 2000:76) bei der Reform des Hochschulwesens zu gewinnen.

Im Oktober 1947 empfahl daraufhin die “Interzonale Hochschultagung” in Hannover, der Studentenschaft auch das Recht auf Satzungsgebung einzuräumen. Nicht nur Max Horkheimer verstand daher die VS als “echte Schule zur Demokratie” (zitiert nach Kraushaar 1998:76). Auch Walter Killy schrieb über den erzieherischen Gedanken der VS: “Politische Erziehung kann nicht allein vom politischen Lehrstuhl her stattfinden. Sie muß ergänzt werden durch die Übung und Ausübung im Rahmen der Gemeinschaft der Universität. Die studentische Selbstverwaltung gäbe dazu reichlichen Raum, und es ist auch deshalb zu wünschen, dass sie greifbare Kompetenzen, einen realen und sinnvollen Übungsstoff erhält.” (Killy 1952:76)

Die praktische Umsetzung dieser Ideen blieb jedoch noch lange Zeit nicht gesetzlich abgesichert. 1962 nahm daher der “Verband deutscher Studentenschaften” die Ausgestaltung eines neuen Studentenschaftsrechts selbst in die Hand und forderte

  • Die VS als öffentlich-rechtliche Körperschaft, die in die Hochschule eingegliedert ist;
  • das Selbstverwaltungsrecht und Satzungsautonomie;
  • Dritten Aufgaben übertragen zu können;
  • die Gesamtheit der Studierenden zu vertreten;
  • an der Selbstverwaltung der Hochschule mitwirken zu können (insbesondere bei spezifisch die Studierenden betreffenden Maßnahmen);
  • die Möglichkeit, sich mit anderen stud. Zusammenschlüssen verbinden zu können (national und international);
  • die Beachtung der parteipolitischen und konfessionellen Neutralität;
  • Beiträge von den Mitgliedern erheben zu dürfen;
  • eine eigene Rechtstellung, um diese Aufgaben adäquat umsetzen zu können. (zitiert nach Keller 2000:79)

Die aufgelisteten Strukturen finden sich als Forderungen und Bestimmung der VS weitgehend noch heute so.

Im weiteren Lauf der Geschichte wurde die VS 1966 in Hessen (vgl. HHG § 35 in der Fassung von 1966) als Interessensvertretung der Studierenden mit Sitz und Stimme in Senat und Fakultät gesetzlich anerkannt, (die meisten anderen Bundesländer folgten). Im derzeit gültigen Hochschulrahmengesetz (HRG in der Fassung von 1999) ist mittlerweile die Bildung von Studierendenschaften festgeschrieben (vgl. HHG § 41), wenngleich es immer wieder auch Bestrebungen einzelner Länderregierungen gab, den VS ihre institutionelle Grundlage zu rauben, und zwar nicht nur (wie derzeit in Hessen) von der CDU, sondern z.B. auch von der SPD- und FDP-Koalition in Berlin 1969.

Alles in allem kann man die Aufgaben der VS (vgl. zum Aufbau, den Aufgaben, den Organen etc. der VS das HHG §§95-100) in zwei Bereiche teilen:

Zunächst die ‘Selbsthilfe’ im Bereich der sozialen Belange und dann die im klassischen Sinne verstandene Bildung der Studierenden, die sich wiederum auf mehrere Gebiete erstreckt, nämlich die künstlerischen und musischen Interessen, die Pflege des Studentensports und eben auch den politischen Bereich (z.B. internationale Studentenbeziehungen, Satzungsautonomie etc.), der insgesamt zur Förderung des staatsbürgerlichen Verantwortungsbewusstseins der Studierenden hinwirken soll. Im HHG findet sich dem gemäß der Passus, dass die VS die Aufgabe hat, “auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung die politische Bildung, das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft ihrer Mitglieder zur aktiven Toleranz sowie zum Eintreten für die Grund- und Menschenrechte zu fördern” (HRG § 41.1.4).

Insbesondere Bayern und Baden-Württemberg taten und tun sich bis heute mit der Umsetzung der VS schwer: Sie gehen Sonderwege, in denen den Studierenden die Bildung einer eigenständigen Körperschaft verwehrt ist. Dort hat die Studierendenschaft kaum Rechte, sondern ist der jeweiligen Universitätsleitung untergeordnet. Die hessische CDU versucht nun, dies auch für die hiesigen Hochschulen durchzusetzen. Daher muss nach den Ursachen gefragt werden, die die Idee der Abschaffung der VS erneut in die Diskussion gebracht haben. Diese Ursachen müssen dann kritisch reflektiert und vor allem mit den tatsächlichen Konsequenzen der möglichen Neustrukturierung verglichen werden. Nur so ist zu gewährleisten, dass zum einen die tatsächlich bestehenden Probleme adäquat gelöst, und zum anderen, dass die wirklichen Hintergründe entlarvt werden können.

Das umstrittene Modell

Der Status der VS wurde seit dem 2. Weltkrieg höchst kontrovers diskutiert: Während die einen sie als Auslaufmodell überholter Ordinarienuniversitäten darstellen und in der Körperschaft eine unrechtmäßige Einschränkung der Studierenden sahen, die es abzuschaffen gelte, stellte sie für die anderen die einzige Möglichkeit für eine dauerhaft tragfähige studentische Mitbestimmung und Selbstbestimmung der Studierenden an der Gruppenuniversität dar. Dieser liegt die Idee zugrunde, autonom und gleichberechtigt mit den anderen Gruppen der Hochschule (Professorenschaft und MitarbeiterInnen) die gesellschaftliche Verantwortung und die Aufgaben der Hochschulen wahrzunehmen.

Ein neuer Ton in der Debatte

“Unabhängig von der subjektiven Bereitschaft der Akteurinnen und Akteure des Hochschulstrukturreformprozesses, die Institutionen studentischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung angemessen zu thematisieren, werden diese objektiv vom Reformprozess unmittelbar berührt. Dies wird dann augenscheinlich, wenn gegenwärtige Reformkonzeptionen den Hochschulen das Leitbild eines Dienstleistungsunternehmens verordnen und in diesem Rahmen den Studierenden den Status von Kundinnen und Kunden der Hochschule zuschreiben. [...] An die Stelle des Modells der politischen Steuerung durch Partizipation an hochschulischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen tritt die Vorstellung einer ökonomischen Steuerung über einen Markt, auf dem sich die Hochschulen als Anbieterinnen und die Studierenden als Nachfragende Ware Studium gegenüberstehen.” (Keller 2000:3)

Literatur:

  • Adam, Heribert: Studentenschaft und Hochschule. Möglichkeiten und Grenzen studentischer Politik, Frankfurt 1965
  • Keller, Andreas: Hochschulreform und Hochschulrevolte. Selbstverwaltung und Mitbestimmung in der Ordinarienuniversität, der Gruppenhochschule und der Hochschule des 21. Jahrhunderts, BdWi-Verlag Marburg 2000.
  • Killy, Walter: Studium Generale und studentisches Gemeinschaftsleben, Berlin 1952.
  • Kraushaar, Wolfgang: Autoritäter Staat und Antiautoritäre Bewegung. Zum Organisationsreferat von Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt, Frankfurt 1998
  • Schulze, F./Ssymank, P.: Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, München 1932

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Ich würde, auf die Gefahr hin, daß sie mich einen Philosophen schelten, der ich nun einmal bin, sagen, daß die Gestalt, in der Mündigkeit sich heute konkretisiert, die ja gar nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, weil sie an allen, aber wirklich an allen Stellen unseres Lebens überhaupt erst herzustellen wäre, daß also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, daß die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist.
(Adorno, T. W. - Erziehung zur Mündigkeit)



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