Artikel

Durch den Fleischwolf?

Kritische Wissenschaft, Studienorganisation und der Bologna-Prozess

Zur Zeit findet im Rahmen des so genannten Bologna-Prozesses in Europa die größte bildungspolitische Umstrukturierung an Hochschulen seit mehr als 30 Jahren statt. Das primäre Ziel ist es, Studiengänge und -abschlüsse innerhalb Europas vergleichbarer zu machen. Unter anderm soll das durch die Umstellung der Studiengänge auf die neuen zweistufigen Abschlüsse erreicht werden. Da diese Umstellung immer schneller vorangetrieben wird, hört man oft den Vorwurf, dass die bisherigen Studiengänge lediglich umettikettiert werden und keine inhaltsorientierte Reform erfolgt. Diese Kritik ist richtig; sie greift allerdings zu kurz. Studieninhalte und -formen werden durchaus umgestaltet. Allerdings fehlt es dabei an Transparenz und demokratischer Beteiligung. Das führt dazu, dass gesellschaftliche Ziele in den Hintergrund geraten.

So loben Politik und Wirtschaft die neuen Studiengänge für ihren erhöhten “Praxisbezug”. Wer sich in Akkreditierungsverfahren mit den stets beteiligten “Vertretern aus der Berufspraxis” auseinandersetzt, weiß, was hier unter Praxisbezug verstanden wird: Die Arbeitgeber formulieren ihren Bedarf und die Hochschulen sollen “produzieren”. Ziel ist eine optimale und möglichst störungsfreie Verwertbarkeit der StudienabsolventInnen auf dem Arbeitsmarkt. Ein selbstbestimmtes Studium würde diesem Ziel zuwider laufen. Die meisten Bachelorstudierenden sind somit fast ausschließlich damit beschäftigt, von Veranstaltung zu Veranstaltung zu hetzen, sich zu berechnen und Anwesenheitslsiten zu unterschreiben. Studienbegleitende Prüfungen sollen den Lernerfolg permanent kontrollieren. Auch die Wahlmöglichkeiten werden durch den modularen Aufbau, gerade bei kleineren Fächern, deutlich eingeschränkt. Daneben kann mittels der Akkreditierungsverfahren auch auf dreiste Weise Einfluss auf die Personalpolitik der Hochschulen genommen werden: Viele Studiengänge werden nur mit der Auflage akkreditiert, dass auf Seiten der Lehrenden eine größere “Wissenschaftlichkeit” sichergestellt wird. Kritische Lehre, die als “unwissenschaftlich” gebrandmarkt wird, findet sich in den Vorlesungsverzeichnissen so immer seltener.



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


219 Hintergrundartikel
in 40 Themen

Wähle einen Ort: