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Die Krise der beruflichen Ausbildung und der Ausbildungspakt der Bundesregierung

Das duale Berufsbildungssystem, neben Schule und Hochschule die dritte Bildungssäule in der Bundesrepublik Deutschland, befindet sich in einer quantitativen und qualitativen Krise. Das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen geht kontinuierlich zurück, während die Zahl der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, gestiegen ist. Mangelnde Chancengleichheit, hohe Abbrecherquoten und große Unterschiede zwischen den Ausbildungsbetrieben sind qualitative Krisensymptome des Systems der dualen Ausbildung.

Das duale Ausbildungssystem in der Bundesrepublik Deutschland stellt für den überwiegenden Teil der 16- bis 20 jährigen jungen Menschen den Einstieg in das Berufs- und Arbeitsleben dar. Die Kombination von praktischem und theoretischem Lernen schafft gute Voraussetzungen, sich auf dem Arbeitsmarkt ohne lange Einarbeitungszeiten behaupten zu können. Die Integrationsfähigkeit in den Arbeitsmarkt ist ungleich höher als bei anderen Systemen der schulischen Berufsbildung, wie sie in vielen europäischen Ländern bestehen. Anerkannte Fortbildungsabschlüsse wie Meister oder Fachwirte bieten auf der Grundlage einer Erstausbildung zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Unternehmen rekrutieren ihr mittleres Führungspersonal aus diesen Qualifikationen und müssen es nicht, wie die romanischen oder angelsächsischen Länder, mit Akademikern besetzen1.

Auszubildende erhalten im dualen Ausbildungssystem eine Ausbildungsvergütung, die zwischen den Tarifpartnern vereinbart wird. Für das Bundesgebiet insgesamt liegt der Durchschnitt der tariflichen Ausbildungsvergütung bei monatlich 601 € 2. Auch nicht tarifgebundene Ausbildungsbetriebe orientieren sich an den geltenden tariflichen Sätzen, sie dürfen sie jedoch nach geltender Rechtssprechung um bis zu 20 Prozent unterschreiten. Auch wenn die Zuwächse in den vergangenen Jahren niedriger geworden sind: Die Ausbildungsvergütung sichert jungen Menschen ein gewisses Einkommen bereits während der Ausbildungszeit.

Während 1990 noch annähernd 30 Prozent der Betriebe ausbildeten, beteiligen sich jetzt nur noch 23 % der 2,1 Mio. Betriebe an der Ausbildung. Das Verhältnis zwischen dem Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen und der Zahl von Bewerberinnen und Bewerbern verschlechtert sich kontinuierlich. Im Jahr 1993 standen 655.857 Ausbildungsplätze 587.879 Bewerbungen gegenüber, 2004 kamen auf 586.374 Ausbildungsplätze 617.556 Bewerbungen. Die Angebots-Nachfrage-Relation hat sich in diesem Zeitraum von 111,6 auf 95,0 verschlechtert. Die Verringerung des Ausbildungsplatzangebotes wird begleitet von einem steigenden Konkurrenzkampf zwischen jungen Menschen um freie Ausbildungsplätze.

Die Bundesagentur für Arbeit prognostiziert bis Ende September 2005 eine Lücke von ca. 32.000 Berufsausbildungsstellen zwischen dem Angebot und der Zahl von Bewerberinnen und Bewerbern. Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Ein großer Teil der Bewerberinnen und Bewerber bei den Arbeitsagenturen finden sich in staatlich finanzierten Maßnahmen wieder oder verbleibt wegen der Ausbildungsplatzkrise in Schulen. Besorgnis erregend ist auch die hohe Zahl von jungen Menschen, die direkt in die Arbeitslosigkeit gehen oder als Ungelernte auf dem Arbeitsmarkt erscheinen.

Viele junge Menschen, die im Anschluss an die Schule nicht gleich einen Einstieg in eine Berufsausbildung finden und in Warteschleifen geparkt werden, tauchen in den Folgejahren als sogenannte Altnachfrager wieder auf. Der Anteil der Bewerberinnen und Bewerber, die die allgemeinbildenden Schulen bereits im Vorjahr beziehungsweise in noch früheren Jahren verlassen haben und sich auf dem Ausbildungsmarkt um eine Ausbildung bemühen, ist auf 46 Prozent angestiegen. Jahr für Jahr bekommen immer weniger Jugendliche einen Ausbildungsplatz und immer mehr landen in Warteschleifen.3 Vor allem Schülerinnen und Schüler der Haupt- und Realschule finden in dem Jahr, in dem sie ihren Abschluss machen, keinen Ausbildungsplatz und müssen Warteschleifen drehen.

Nach Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes fehlen zur Zeit über 100.000 Ausbildungsplätze. Offensichtlich ist die freiwillige Bereitstellung ausreichender betrieblicher Ausbildungsplätze durch die Wirtschaft nicht geeignet, um ein ausreichendes Angebot zu sichern. Die Deregulierung von Märkten, die Privatisierung von ausbildungsintensiven Staatsbetrieben, eine veränderte Vergabepolitik, in der allein der Preis dominiert, eine Zunahme von nicht ausbildenden Minibetrieben sowie eine wachsende Verbreitung kurzfristiger Shareholder-Value Strategien führen zu einem Abbau von betrieblichen Ausbildungsplätzen4. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Ausbildung zum Erfolg und zur Reputation des Betriebes beiträgt. Es geht um ein strukturell angelegtes, langfristig wirkendes und – wie die Entwicklung der letzten 30 Jahre belegt – mit trauriger Regelmäßigkeit wiederkehrendes Problem.

Junge Menschen, die über keine qualifizierte Berufsausbildung verfügen, laufen Gefahr, ihr Leben lang auf der Verliererseite der Gesellschaft zu stehen. Das Ergebnis des im April 2004 veröffentlichten Mikrozensus hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller arbeitslosen Jugendlichen keine Berufsausbildung haben. ‚Wer auf dem Ausbildungsmarkt nicht gleich im ersten Anlauf einen Ausbildungsplatz anstrebt und erhält, hat in der Regel keine zweite und dritte Chance‘, so das Fazit einer vom DGB in Auftrag gegebenen Studie5. Mehr als 13 Prozent aller Jugendlichen im Alter von 20 bis 25 Jahren in Deutschland haben keinen Berufsabschluss und werden ihn auch auf Dauer nicht erreichen. In absoluten Zahlen sind dies 600.000 Jugendliche im Alter zwischen 20 und 25 Jahren.

Wenn auch die Gründe unterschiedlich sind, aus denen junge Frauen und Männer einen Berufsabschluss verfehlen, so lassen sich doch Risikofaktoren erkennen:

  • Jugendliche Migrantinnen und Migranten haben ein dreimal höheres Risiko als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen, ohne Berufsabschluss zu bleiben.
  • Trotz besserer Schulabschlüsse bleiben junge Frauen häufiger als junge Männer ohne Ausbildung. In der Berufsorientierung werden Mädchen immer noch stark auf wenige und „überlaufene“ traditionelle Frauenberufe orientiert.
  • Zwei Drittel der jungen Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung haben auch die Schule ohne Abschluss verlassen. Auch mit Hauptschulabschluss bleiben 27 % ohne Ausbildung, mit Realschulabschluss sind es 8,4 %. Nur 6,9 % der Abiturienten tragen das gleiche Risiko.
  • Jugendliche mit höheren Schulabschlüssen erreichen angesichts des zu geringen Angebots leichter als Jugendliche mit niedrigeren oder ohne Schulabschluss ein Ausbildungsverhältnis (Verdrängungswettbewerb).
  • Seit Jahren bleiben auch solche Jugendliche ohne Abschluss, die vor Ort chancenlos waren, weil der Markt in ihrer Region zu wenig Ausbildungsplätze hergibt („Marktbenachteiligte – Leben in der falschen Region“).

Ohne Berufsabschluss landen viele junge Menschen in Gelegenheitsjobs, in un- und angelernten Tätigkeiten mit niedrigem Einkommen und geringer sozialer Absicherung. Oft ist der Weg in die Sozialhilfe vorprogrammiert, und der Weg heraus nur schwer möglich.

Die hohe Selektivität der beruflichen Ausbildung bezüglich der Zugangschancen, der Abschlüsse und der dadurch vermittelten Chancen ist nicht neu. Das System der dualen Berufsausbildung bot jedoch in der Vergangenheit dem weitaus größten Teil aller eine Berufausbildung nachfragenden jungen Menschen die Chance, relativ erfolgreich zu sein. Das ist heute nicht mehr so.

Um die quantitativen Defizite abzufedern, tritt der Staat immer stärker als Akteur bei der Schaffung von Angeboten für junge Menschen auf, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben: Berufsgrundbildungsjahre und Berufsvorbereitungsjahre wurden massiv ausgedehnt, außerbetriebliche Ausbildung wurde mangels betrieblicher Plätze ausgebaut und die Bundesagentur für Arbeit finanziert Bewerbungstraining und Lehrgänge in großem Umfang. In den neuen Bundesländern sind etwa 80 % der bestehenden Ausbildungsplätze aus öffentlichen Mitteln subventioniert.

Die dramatische Situation am Ausbildungsstellenmarkt belastet nicht nur die jugendlichen Arbeitslosen. Auch für jene, die einen regulären Ausbildungsplatz bekommen haben, nimmt der Druck zu. Die DGB –Jugend hat in einem Schwarzbuch Ausbildung6 77 Fälle dokumentiert, in denen junge Menschen von unzumutbaren Ausbildungsbedingungen berichten. Das Spektrum reicht von ausbildungsfremden Tätigkeiten wie Streichen der Privatgarage, Mobbing über vorenthaltene Ausbildungsvergütungen, viel zu lange Ausbildungszeiten bis hin zu sexuellen Diskriminierungen. Besonders betroffen sind neben jungen Menschen im Einzelhandel vor allem Auszubildende in Büroberufen. Aber auch aus der Medienbranche sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe sind Missstände benannt worden.



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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