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Der Bologna-Prozess: Einrichtung eines gemeinsamen europäischen Bildungsraumes

Hochschulreform

Zur Einleitung: Was ist der “Bologna-Prozess”?

Im Norden Italiens liegt Bologna, eine Stadt mit etwa 370000 EinwohnerInnen. Das klingt jetzt nach Sonne und Urlaub, aber was hat das mit Hochschulpolitik zu tun? Ein Blick zurück: Am 19. Juni 1999 haben 29 europäische Staaten die sogenannte “Bologna- Erklärung” unterzeichnet. Die besagte Erklärung vereinbart die Schaffung eines europäischen Hochschulraums. In dem Bewußtsein, dass ein europäischer Hochschulraum eine entscheidende Bedeutung für die Schaffung eines friedvollen und harmonischen Europas darstellt, vereinbaren die UnterzeichnerInnen einige zentrale Komponenten, die eine bessere Kompatibilität und Vergleichbarkeit der europäischen Hochschulsysteme fördern bzw. erreichen sollen, wobei Unterschiede im kulturellen Bereich wie auch zwischen den nationalen Hochschulsystemen respektiert werden sollen. Der geäußerte Wunsch, die genannten Komponenten “within the first decade of the third millenium” umzusetzen, und die Vereinbarung, alle 2 Jahre Nachfolgekonferenzen abzuhalten, macht aus der Erklärung schließlich den Bologna-Prozess. Die erste Nachfolgekonferenz fand 2001 in Prag statt, eine weitere im Herbst 2003 in Berlin und die nächste wird 2005 in Bergen (Norwegen) stattfinden. Mittlerweile nehmen 40 europäische Staaten am Prozess teil. Erklärtes Ziel ist es, den europäischen Hochschulraum bis zum Jahr 2010 umgesetzt zu haben.

Zur Realisierung des europäischen Hochschulraums wurden von Bologna über Prag bis Berlin folgende Ziele und Maßnahmen vereinbart, die auf den nächsten Seiten detaillierter erläutert werden:

  • Einführung eines Studienstruktursystems, das sich im Wesentlichen auf zwei Hauptzyklen stützt (Bachelor und Master)
  • Förderung der Mobilität
  • Einführung eines Leistungspunktesystems (ECTS)
  • Einf¸hrung eines Systems leicht verständlicher Abschlüsse
  • Beteiligung von Studierenden und Hochschulen am Prozess
  • Förderung der europäischen Dimension im Hochschulbereich
  • Steigerung der Attraktivität des Europäischen Hochschulraums
  • Förderung des Lebenslangen Lernens
  • Qualitätssicherung durch Akkreditierung
  • Errichtung eines europäischen Forschungsraums

Die Ziele und Maßnahmen haben den Charakter von Zielvereinbarungen, die lediglich Richtungen und Absichten vorgeben. Die tatsächliche Realisierung obliegt im Rahmen der weiten Vorgaben den jeweilis zuständigen Institutionen.

Neben den ministeriellen Konferenzen existiert eine Reihe kleinerer Arbeitsgruppen, die sich häufiger treffen und den Bologna-Prozess begleiten. Obwohl es in Bologna offiziell noch keine studentische Beteiligung gab, begleiten mittlerweile auch BeobachterInnen von ESIB (The National Unions of Students in Europe – Der europäische studentische Dachverband.) den Bologna-Prozess offiziell. Diese Aufgabe nimmt das Bologna Process Committee von ESIB wahr. Auf Bundesebene beteiligen sich seit dem Frühjahr 2004 nun endlich auch VertretenInnen des fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften – Dachverband der deutschen StudentInnenvertretungen) an eine Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMBF), die den Prozess in Deutschland begleiten.

In den folgenden Zeilen wollen wir versuchen, den Bologna-Prozess in seinen wesentlichen Etappen kurz nachzuzeichnen, um uns in den folgenden Kapiteln mit der Umsetzung seiner Ziele und deren Inhalte zu befassen. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Reflexion des bisherigen Prozessverlaufes.

Die Idee: Die Sorbonne Erklärung

Wenn wir den Bologna-Prozess nachvollziehen wollen, müssen wir eigentlich noch ein jahr früher beginnen: Anlässlich des 250. Geburtstages der Pariser Sorbonne verabschiedeten die Bildungs-/KultusministerInnen von Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien am 25. Mai 1998 die sogenannte Sorbonne Erklärung (Sorbonne Joint Declaration). In dieser Erklärung wird erstmalig ein gemeinsamer europäischer Bildungsraum gefordert. Denn neben dem Europa der Banken, des Euro und der Wirtschaft solle es auch ein Europa des Wissens geben. Ziel dieses europäischen Bildungsraums soll eine Verbesserung der studentischen internationalen Mobilität in Europa sein, denn nur so könne den wachsenden Anforderungen an Studierende und AkademikerInnen einerseits, aber auch den sich stetig wandelnden Karriere- und Ausbildungswegen andererseits Rechnung getragen werden. Um dieser Forderung gerecht zu werden, spielt man in der Sorbonne Erklärung dann bereits auf einige Maßnahmen an, die letztlich erst in der Bologna-Erklärung als mehr oder minder verpflichtende Absichtserklärungen festgeschrieben werden. Zu nennen wären hier:

  • die Bildung eines zwei Zyklen umfassenden Ausbildungssystem, das sich in einen undergraduate und einen graduate Bereich trennt. Mit der europaweiten Etablierung eines solchen Systems könnten dann auch die verschiedenen nationalen Bildungssysteme vergleichbarer werden. Eine europaweite Annerkennung der beiden Abschlusssysteme (undergraduate und graduate) und Förderung der Attraktivität des undergraduate-Bereichs durch verschiedene Programme, bspw. multidisziplinäre Studien, Sprachprogramme, Austauschprogramme, etc.
  • Implementierung eines Kredit-Punkte-Systems (mindestens mit ECTS vergleichbar)
  • Erhöhung der studentischen Mobilität in Europa

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass die Erfolgsaussichten eines solchen Unternehmens natürlich mit der Anzahl der teilnehmenden Nationen steigt. Folgerichtig werden die europäischen Staaten (nicht nur EU-Staaten) eingeladen, den Prozess zu unterstützen.

Die Bologna Erklärung (The Bologna Joint Declaration)

Ein gutes Jahr nach der Sorbonne Erklärung wurde am 19. Juni 1999 in Bologna von insgesamt 29 europäischen Staaten die sogenannte Bologna Erklärung verabschiedet. Inhaltlich schließt sie sich der Sorbonne-Erklärung grundsätzlich an. Der wichtige Unterschied ist, dass ein Katalog von sechs Maßnahmen verabschiedet wurde, mit welchen das Ziel des gemeinsamen europäischen Bildungsraums auf den Weg gebracht werden soll. Diese Maßnahmen sollen in allen unterzeichnenden Staaten umgesetzt werden, damit aus Absichtserklärungen auch tatsächlich gemeinsame koordinierte europäische Bildungspolitik werden kann.

Diese Maßnahmen sind im einzelnen:

  1. Die Einführung eines Systems von leicht zu verstehenden und vergleichbaren Abschlüssen. Unterstützt werden soll dieses System durch die Einführung der Diploma Supplements (siehe Kap. 5). Ziele dieser Maßnahmen sind einerseits die Förderung der Einstellungsmöglichkeiten von europäischen BürgerInnen und andererseits die Stärkung internationaler Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen europäischen Bildungssysteme.
  2. Die Einführung eines Bildungssystems, welches im wesentlichen aus zwei Zyklen besteht (vgl. Sorbonne-Erklärung), einem undergraduate und einem graduate Teil. Der Zugang zu dem graduate Bereich soll den erfolgreichen Abschluss des ersten Zyklus, also des undergraduate Bereichs voraussetzen. Der undergraduate Bereich soll mindestens drei Jahre dauern und grundsätzlich berufsqualifizierend sein. Der graduate-Bereich soll darauf aufbauend zum Masterabschluss oder zur Promotion führen. Man könnte also den letzten Abschnitt also auch einfach damit übersetzen, dass in allen unterzeichnenden Staaten ein Abschlusssystem eingeführt werden soll, das als ersten grundständigen Abschluss einen wenigstens dreijährigen Bachelor vorsieht an dem sich dann der Master als eher wissenschaftlich orientierter Abschluss anschließt.
  3. Die Einführung eines Kreditpunktesystems, wie z.B. ECTS, um studentische Mobilität zu fördern und zu erhöhen. Zudem sollten Kreditpunktsysteme auch in nichthochschulbezogener Aus- und Weiterbildung implementiert werden. Also bspw. auf diejenigen Weiterbildungsbereiche die sich mit dem Schlagwort Lebenslanges Lernen beschreiben lassen.
  4. Förderung der Mobilität durch Überwindung der Hindernisse, die der Freizügigkeit in der Praxis im Wegen stehen, insbesondere für Studierende durch Zugang zu Studien- und Ausbildungsangeboten und zu entsprechenden Dienstleistungen für LehrerInnen, WissenschaftlerInnen und Verwaltungspersonal: Anerkennung und Anrechnung von Auslandsaufenthalten zu Forschungs-, Lehr- oder Ausbildungszwecken; unbeschadet der gesetzlichen Rechte dieser Personengruppen.
  5. Förderung von gemeinsamer europäischer Qualitätssicherung im Hinblick auf die Entwicklung von gemeinsamen vergleichbaren Methoden und Kriterien.
  6. Förderung der notwendigen europäischen Aspekte und Dimensionen höherer Bildung, besonders im Hinblick auf Studienordnungsentwicklung, Zusammenarbeit von an höherer Bildung beteiligten Institutionen sowie Mobilitäts- und Austauschprogramme für Studierende, Lernende und Lehrende.

Die erste Folgekonferenz: Das Prager Communique

Etwa zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Bologna Erklärung kamen 32 europäische Bildungs-/KultusministerInnen in Prag zusammen, um den Stand der Dinge im Prozess zur Etablierung des europäischen Bildungsraums zu referieren und eine erste Bilanz zu ziehen. Die MinisterInnen wählten bewusst Prag aus, um dadurch zu symbolisieren, dass dieser Prozess nicht nur auf die EU-Mitgliedsstaaten beschränkt sein soll. Das Kommunique, welches aus diesem Treffen hervorging, brachte im Vergleich zur Bologna Erklärung wenig Neuerungen. Die alten Ziele und Maflnahmen wurden bestätigt und ihre Wichtigkeit erneut betont. Es gab allerdings auch einige Ergänzungen und Konkretisierungen zur Bologna Erklärungen, die im folgendem wiedergegeben werden sollen:

Der gemeinsame europäische Hochschulraum soll bis zum Jahr 2010 durch die in der Bologna-Erklärung vorgesehenen Maßnahmen etabliert werden. Zukünftig sollen auch die Studierenden, vertreten durch ihre verfassten Vertretungen und deren nationale (fzs in Deutschland) und internationale Dachverbände (ESIB the National Unions of Students in Europe), in die Gestaltung und Umsetzung des Bologna-Prozesses miteinbezogen werden. Der Status der Studierenden entspricht hier aber lediglich einer beratenden Funktion. [Diese Neuerung ist wohl im wesentlichen auf die Kritik der Studierenden zurückzuführen.] Auf Forderung der Studierenden sollen zukünftig auch soziale Aspekte bei der Umsetzung stärker berücksichtigt werden. Im europäischen Bildungsraum bzw. im Europa des Wissens soll lebenslanges Lernen eine wichtige Stellung erhalten. Dies sei im Zuge der Konfrontation mit neuen Technologien, Wettbewerbsfähigkeit und Chancengleichheit unumgänglich. Der Bologna Prozess soll sich folglich auch mit diesem Thema beschäftigen.

Abschließend einigte man sich darauf, die Zusammenarbeit fortzusetzen und weiter auszubauen. Staaten, die sich bis dato noch nicht beteiligt haben sind eingeladen sich anzuschließen. Um das Gelingen des Prozesses zu unterstützen wurden regelmäßige Folgetreffen vereinbart, auf denen über den Stand der Umsetzung diskutiert werden soll.

Die zweite Folgekonferenz: Das Berliner Communique

Vom 19-21. September 2003 fand in Berlin das bislang letzte MinisterInnentreffen statt. Auch hier wurden im Wesentlichen die Ziele der Vorjahre bestätigt und ein positiver Gesamttrend aussgemacht. Insbesonders in puncto Qualitätssicherung und Einführung gestufter Studiengänge habe sich viel bewegt. Die MinisterInnen erkannten die Rolle der Studierenden, der Hochschulen und anderer beteiligter Gruppen (bspw. zur Akkreditierung) an und betonten die Wichtigkeit der Beteiligungen dieser Gruppen am Prozess. Das Berliner Communique wurde von 40 europäischen Staaten unterzeichnet. Die sozialen Aspekte wurden zwar erneut betont, allerdings fehlt im Berliner Communique ausdrückliche Maßnahmen, diese auch tatsächlich sicher zu stellen. In den folgenden Zeilen sollen die einzelnen (inzwischen zehn) Ziele kurz beleuchtet werden und neue Entwicklungen aufgezeigt werden.

  1. Qualitätssicherung: Die Weiterentwicklung Qualitätssicherung soll auf institutioneller, nationaler und europäischer Ebene fortgeführt werden. Dabei sollen die Hochschulen letztlich in der Verantwortung für die Qualitätsicherung der Bildung bleiben, jedoch sollen sowohl auf nationaler wie auf europäischer Ebene gemeinsame Standards und Methoden für die an der Qualitätssicherung beteiligten Institutionen (etwa Akkreditierungsagenturen) erarbeitet werden.
  2. Einführung eine Studienstrukutrsystems, das sich im Wesentlichen auf zwei Hauptzyklen stützt (Bachelor/Master): Die MinisterInnen verpflichten sich bis 2005 mit der Einführung des zweistufigen Systems begonnen zu haben (gilt für die einzelnen Staaten, noch nicht für alle Studiengänge) und die Akzeptanz der neuen Studiengänge an den Hochschulen zu fördern. Zudem sollen vergleichbare Rahmen für die Abschlusssysteme sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene geschaffen werden. Die Abschlüsse des ersten Zyklusses (BA) sollen weiterhin die Voraussetzung zum Besuch des zweiten Zyklusses (MA) sein. Der Abschluss des zweiten Zyklus befähigt zur Promotion.
  3. Förderung der Mobilität: Die MinisterInnen betonen erneut die immense Wichtigkeit dieses Punktes für das Funktionieren eines europäischen Hochschulraums und wollen die Möglichkeit schaffen, nationale Darlehens- und Beihilfesysteme komplikationslos ins Ausland mitnehmen zu können.
  4. Einführung eines Leistungspunktsystems: Die flächendeckende Einführung von ECTS habe sich bewährt und soll weiter fortgeführt werden.
  5. Einführung eines Systems leicht verständlicher Abschlüsse: Die MinisterInnen geben das Ziel vor, dass alle Studierenden, die ab 2005 ihr Studium abschließen, das Diploma Supplement automatisch und gebührenfrei erhalten sollen. Dies soll dann auch in einer weit verbreiteten europäischen Sprache verfasst sein. Überdies appellieren sie an die Hochschulen, die Potentiale des Diploma Supplement voll auszuschöpfen.
  6. Beteiligung der Hochschulen und der Studierenden: Die MinisterInnen erkennen die Wichtigkeit der Beteilgung der Studierenden und der Hochschulen am Prozess. Dies soll auch in der Folge weiter gestärkt werden. Sie fordern die Hochschulen auf, einerseits die im Prozess angestoßenen Reformen umzusetzen und andererseits die Mitbestimmung der Studierenden vor Ort zu garantieren bzw. auszubauen.
  7. Förderung der europäischen Dimension im Hochschulbereich: Die MinisterInnen stellen fest, dass derzeit Module, Studiengänge und Lehrpläne mit europäischem Bezug entwickelt würden. Zudem unterstreichen sie die Notwendigkeit durch gemeinsame Studienprogramme einen erheblichen Teil des Studiums im Ausland zu ermöglichen, sowie ein ausreichendes Angebot zum Fremdsprachenerwerb sicherzustellen.
  8. Steigerung der Attraktivität des Europäischen Hochschulraums: Die MinisterInnen sind sich einig, dass die Attraktivität des europäischen Hochschulwesens gesteigert werden muss und bekräftigen ihre Bereitschaft, Förderprogramme für Studierende aus Drittländern weiter zu entwickeln.
  9. Lebenslanges Lernen: Die Möglichkeiten zum Lebenslanges Lernen soll gerade an Hochschulen ermöglicht werden. Die Hochschulen sind angehalten bei der Erstellung geeignter Konzepte ECTS mit zu berücksichtigen.
  10. Europäischer Forschungsraum: Die Promitionsphase soll, quasi als dritter Studeinzyklus, in den Bologna-Prozess mit aufgenommen werden. Auch für diese Phase sollen Mobilitätshindernisse abgebaut werden und langfristig neben dem europäischen Hochschul- auch ein europäischer Forschungsraum entstehen.

Weiteres: Zur Konferenz in Bergen soll eine detaillierte Betsandsaufnahme erarbeitet werden. Dies gelte besonders für die Ziele der Qualitätssicherung, des zweistufigen Studiensystems, sowie der Anerkennung der Studienabschlüsse und Abschnitte.

Wir wollen uns völlig klar darüber sein, dass der Nationalismus ein Laster ist. Wir meinen mit ‚Nationalismus‘, jede übergebührliche Betonung der Nationalität… Der Nationalismus ist ein Laster, weil er sein Augenmerk auf vergleichsweise belanglose Dinge lenkt… und dabei das Wesentliche übersieht, das einfach darin besteht, dass er (jeder Mensch) ein Mensch ist. (…) Was macht es schon aus, dass ich Englisch spreche und jemand anders Deutsch, dass meine Haut weiß ist und die eines Negers schwarz ist, dass ich Jude bin und mein Nachbar anderen Glaubens… Lasst uns denn im Namen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes diese Unterschiede vergessen, damit wir uns unseres gemeinsamen Menschseins erinnern.
(Victor Gollancz)



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