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Chancengleichheit und Elite

Elitetürme

GEW: Warum ist in Deutschland die Bildungsungerechtigkeit, also die Abhängigkeit der Bildungsteilhabe von der sozialen Herkunft, so stark ausgeprägt? Ist das historisch bedingt?

Hartmann: Es gibt zwei Gründe, die insbesondere im vorschulischen und im schulischen Bereich liegen. Im vorschulischen Bereich deshalb, weil der größte Teil der Erziehung hierzulande in der Familie läuft und Benachteiligungen deshalb nicht so ausgeglichen werden können, wie dies zum Beispiel in Frankreich durch die École maternelle möglich ist. Der zweite entscheidendere Grund ist die Dreigliedrigkeit des Schulsystems. Es ist ganz eindeutig, dass das die soziale Selektion zu einem sehr frühen Zeitpunkt enorm fördert. Diese Dreigliedrigkeit hat historische Gründe: Nach 1945 hat es bei den Besatzungsmächten den Wunsch gegeben, in Deutschland Gesamtschulsysteme einzuführen. Doch war diese Veränderung in dem Moment gestorben, als die DDR die Einheitsschule eingeführt hat. Damit war sie als sozialistisch diskreditiert und das wollte man auf gar keinen Fall. Zudem gab es mächtige soziale Interessen auf Seiten des etablierten Bürgertums, die für ihre Kinder natürlich weiterhin eine selektive Ausbildung haben wollten.

Mich ärgert übrigens bei meiner eigenen Gewerkschaft, der GEW, dass sie das Wort Gesamtschule inzwischen zumeist nur noch ganz verschämt gebraucht. Die Gesamtschule ist eine eindeutige und unübersehbare Schlussfolgerung aus Pisa – und keiner diskutiert offensiv darüber.

GEW: In Baden-Württemberg wird gesagt, dass Schule zwar zum Teil selektiv ist, ungerechtfertigte Selektionsentscheidungen aber über berufliche Schulen und die beruflichen Gymnasien korrigiert werden können. Sind berufliche Schulen bzw. berufliche Gymnasien tatsächlich geeignet, die frühe soziale Selektion gegebenenfalls zu korrigieren?

Hartmann: Sie können sie abmildern und zumindest einen Teil der SchülerInnen motivieren. Doch bei all den Maßnahmen handelt es sich bestenfalls um kleinere Korrekturen. Wenn man an das grundsätzliche Übel nicht drangeht, wird nichts bewirkt werden.

_GEW: _In Ihrem Buch “Der Mythos von den Leistungseliten” beschreiben Sie, dass sich die soziale Selektivität bei der Besetzung von Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, usw. fortsetzt und durch eine bessere und breitere Bildung nicht aufgehoben wird. Wieso funktioniert in unserem demokratischen System das demokratische Ideal nicht, dass jedem alle Wege offen stehen, wenn er oder sie nur genügend Leistung bringt?

Hartmann:

Wir wollen uns völlig klar darüber sein, dass der Nationalismus ein Laster ist. Wir meinen mit ‚Nationalismus‘, jede übergebührliche Betonung der Nationalität… Der Nationalismus ist ein Laster, weil er sein Augenmerk auf vergleichsweise belanglose Dinge lenkt… und dabei das Wesentliche übersieht, das einfach darin besteht, dass er (jeder Mensch) ein Mensch ist. (…) Was macht es schon aus, dass ich Englisch spreche und jemand anders Deutsch, dass meine Haut weiß ist und die eines Negers schwarz ist, dass ich Jude bin und mein Nachbar anderen Glaubens… Lasst uns denn im Namen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes diese Unterschiede vergessen, damit wir uns unseres gemeinsamen Menschseins erinnern.
(Victor Gollancz)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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