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Bologna und der Bachelor

Bildungsstreik 2009

Auch an der FU1 werden mittlerweile immer mehr Bachelor- bzw. Master-Studiengänge installiert. Auf lange Sicht ist geplant, nahezu alle Studiengänge auf dieses System umzustellen – ohne dass die Studierenden darüber informiert werden oder gar Kritik äußern dürfen. Die Hintergründe dieser großangelegten Studienreform sind kaum bekannt oder werden durch diffuse Desinformation vernebelt. Deshalb hier einiges zu Geschichte und Intentionen des BA/MA.

Nach einer ersten Konferenz der europäischen Bildungsminister in Paris gab es 1999 in Bologna eine Nachfolgekonferenz, mit dem Ergebnis der “Bologna- Erklärung”. Intention dieser Erklärung ist die Schaffung eines einheitlichen “europäischen Hochschulraums” zur “Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Hochschulsystems”. Unter anderem beinhaltet die Erklärung von Bologna als Kernpunkt die “Einführung eines europaweiten Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse”: das Bachelor/Master Konzept.

Mit Bachelor und Master bezeichnet man die universitären Abschlüsse im angloamerikanischen Raum. Der Bachelor (kurz BA) stellt den ersten Abschluss dar, der den sehr stark praxisbezogenen Teil der Ausbildung ausmacht. Nach dem Bachelor kann man entweder schon in den Beruf einsteigen, oder ein ein- bis zweijähriges wissenschaftliches Studium mit dem Master-Abschluss folgen lassen. Allerdings kann auch nach der Berufstätigkeit weiterhin ein Masterstudium angeschlossen werden. Danach wäre dann noch der Doktor möglich.

Vor allen Dingen hat die Ausbildung jenseits des großen Teiches einen viel stärkeren Praxisbezug: den AbsolventInnen wird nur das Handwerkszeug an die Hand gegeben, mit dem sie sich dann im Berufsleben weiterentwickeln müssen. So soll das vielbeschworene “live-long Learning” realisiert werden. Natürlich ist gegen eine ständige Vermehrung des Wissens nichts einzuwenden, doch haben Vergleiche gezeigt, dass das Niveau der AbgängerInnen der Universitäten in den U.S.A. durch die kürzere Ausbildung viel geringer als in Europa ist.

Ein weiteres Merkmal der BA/MA-Studiengänge ist die Einteilung in so genannte Module. Ein Modul stellt eine Einheit bzw. ein Bauelement dar. Es ist Bestandteil eines größeren Ganzen ist, und jedes Modul hat eine definierte Funktion (vgl. Materialien zur Bildungsplanung und zur Forschungsförderung). Diese Module können den heutigen Vorlesungen inklusive der Übungen entsprechen, können aber auch Seminare und Projektarbeiten umfassen. Zu jedem Modul gehört eine Prüfungsleistung in Form einer Klausur, Abschlussarbeit oder eines Referates. Hat man alle Prüfungen der erforderlichen Module bestanden, so fehlt nur noch eine Bachelor- oder Masterarbeit, um den Abschluss in der Tasche zu haben. Um den Praxisbezug herzustellen, sind einzelne Module explizit als Praktikum oder auch Auslandsemester angelegt. Nicht nur die Fachkompetenz der Studierenden soll ausbildet werden, sondern ebenso die Vermittlungs- und die “Sozialkompetenz” in Form von Team- und PC-Arbeit.

Besonders die soziale Kompetenz wird als etwas Neues, nicht Vorhandenes beschrieben und in der Politik und Wirtschaft hoch gelobt. Doch die soziale Kompetenz ist schon lange etwas Alltägliches in den Seminaren. Auch ist anzunehmen, dass auch vor dem Eintritt in die Uni die Menschen nicht gänzlich ohne Sozialverhalten ausgekommen sind. Wozu diese Betonung? Es ist wohl zu befürchten, dass dies auf Kosten der Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten geschieht oder ein vorgeschobenes Argument ist, um den angeblichen Wert des BA/MA zu erhöhen.

Darüber hinaus beinhaltet die Modularisierung, dass nur bestimmte Module angeboten werden. (Im ersten Jahr vor allem Pflichtveranstaltungen.) D.h. die jetzige, durch die Seminare gegebene Vielfalt an Veranstaltungen reduziert sich dramatisch. Seminare, die nicht beruflich verwertbar sind werden wegrationalisiert bzw. nicht als Module angeboten. Das Ergebnis ist eine zensierte, einseitige und oberflächliche Ausbildung, die den Anforderungen einer wissenschaftlichen Ausbildung in keinster Weise entspricht und wohl auch nicht entsprechen soll.

Begründet wird die Einführung des BA/MA mit der Internationalisierung. 80% der Hochschulabschlüsse der Welt basieren auf dem angloamerikanischen System. “Um auf die Herausforderungen, die die fortschreitende Globalisierung mit sich bringt, reagieren zu können, ist eine Anpassung deutscher Studienangebote an internationale Modelle unausweichlich” (vgl BLK). Sowohl die Bologna-Erklärung, als auch das HRK (Hochschulrektorenkonferenz) und sonstige Kommissionen im Zusammenhang mit der deutschen Hochschulreform fordern ausdrücklich, dass das Ziel, die Attraktivität der Hochschulen zu steigern, um auf dem nationalen und internationalen Ausbildungsmarkt wettbewerbsfähig sein zu können, an allererster Stelle stehen muss. Die Ausbildung wird dabei zweitrangig. In den Analysen, Berichten, Konferenzen geht es immer nur darum, wie das Hochschulsystem den Anforderung des globalen Marktes gerecht wird, aber kein einziges Mal darum, wie das Hochschulsystem den Anforderungen der Wissenschaft am besten gerecht wird.

Der Schwerpunkt dieser Hochschulreform liegt also nicht auf der Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten, sondern auf der Wettbewerbsfähigkeit Europas beim zukünftigen Export kostenpflichtiger Bildung (Vgl. dazu auch den Artikel “Wie Bildung zur Ware wird” in diesem Heft). Dabei erweist sich das BA/MA-Konzept am fähigsten. Wettbewerbsfähigkeit allein bestimmt die Inhalte und Formen der Wissenschaft und reduziert sie auf den Status einer Ware.

Ein anderes Argument, das “für” die Einführung des BA/MA spricht, ist das Alter. Die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) äußert sich dazu folgendermaßen: “Bachelor-Absolventen sind jünger als bisherige Bewerber aus Diplom- oder Magisterstudiengängen und können frühzeitig gemäß den betrieblichen Anforderungen ins Unternehmen eingebunden werden.” Das heißt Bachelor-AbsolventInnen können auf Grund ihrer kürzeren Studienzeit früher ins Berufleben eintreten. Dadurch sind sie vor allem billiger für die Unternehmen, denn gerade wegen der kurzen Ausbildungszeit werden sie wohl kaum dieselben Löhne erhalten wie etwa die InhaberInnen eines Diploms.

Fraglich ist auch, ob hier nicht die Not zur Tugend wird. Der BLK-Bericht “Erste Erfahrungen und Empfehlungen aus dem BLK-Programm Modularisierung” geht von der Annahme aus, dass den Hochschulen kaum staatliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Kurzgefasst “entledigt” sich der Staat effektiv und kostengünstig der Studierenden, indem er sie frühzeitig, mit einem minderwertigen Abschluss in die Berufswelt entlässt. Durch das BA erhofft man sich kürzere Studienzeiten und eine bessere Kontrolle der Studierenden (die durch die ausführlichen Vorgaben der jeweiligen Module und deren verschulter Struktur gegeben sind).

Durch die Zulassungsbeschränkungen zum weiterführenden Master- Studiengang gewährt man zudem nur einer Minderheit der Studierenden (etwa 20%) einen Abschluss auf dem Niveau des Diploms oder Magisters.

Fazit:

Man wirbt mit Flexibilität, effizienter Ausbildung und Eigenverantwortung (beim Zusammenstellen der Module!, d.h. im ersten Jahr keine Auswahl, im zweiten Jahr schließlich ein etwas größere Auswahl), während man gleichzeitig das Studium entwertet und entwissenschaftlicht.

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit (bzw. Internationalisierung) nutzt man dabei als Deckmantel, um die Hochschulen nach kapitalistischer Marktlogik umzubauen.

Mit gezielter Desinformation versucht man einerseits, uns das BA/MA schmackhaft zu machen. Alle Artikel (Analysen, Aufsätze, Konferenzen) und Bücher, die sich mit dem angloamerikanischen System BA/MA auseinandersetzen, sind auffällig unkritisch und einseitig.

Mit gezielter Nicht-Information versucht die Politik andererseits das BA/MA an den Hochschulen über die Köpfe der Studierenden und Universitäten hinweg einzuführen. Die Beschlüsse auf europäischer Ebene werden erst jetzt an den Universitäten durchgesetzt, nachdem auf den höheren Ebenen schon längst die Grundsatzentscheidungen ohne Mitwirkung von Studierenden und Lehrenden getroffen wurden. Die Bologna-Erklärung verpflichtete sich zwar ausdrücklich, die Autonomie der Universitäten zu respektieren. Faktisch jedoch wird den Betroffenen das BA/MA System zwangsweise aufgedrückt.

Fußnoten

1 gemeint ist die FU Berlin, hier kommt der Text her

Schlimmer als die, die die Fehlentscheidungen abnicken, sind die, die die abnicken, die die Fehlentscheidungen abnicken.
(Pater Rolf Hermann Lingen, römisch - katholischer Priester)



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