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»Generation Praktikum« - Arbeiten zum Nulltarif

Sozialpolitik

»Floundering period« - Zappeln wie die Flunder

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse von jungen Menschen haben in Europa in den letzten Jahren zugenommen. Während junge Menschen mit einem niedrigen oder gar keinem Bildungsabschluss bereits seit langem von fehlenden beruflichen Perspektiven betroffen sind, haben nun angesichts der sich zuspitzenden Lage auf dem Arbeits-markt vermehrt auch Hochschulabsolventinnen Schwierigkeiten beim Einstieg ins Berußleben. Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, sehen sich immer mehr Absolventinnen genötigt prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzugehen bzw. un- oder unterbezahlte Praktika anzunehmen, um auf diesem Weg den Einstieg ins Berußleben zu schaffen. Der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt etwa zahlt für Hospitantinnen (so heißen dort die Praktikantinnen) sage und schreibe 0,00 Euro. Viele Hochschulabsolventinnen absolvieren nicht nur ein Praktikum, sondern eine Fülle von Praktika hintereinander. Man spricht hier von »Praktikaschleifen«.

In mehreren Ländern der europäischen Union – nach derzeitigem Wissenstand besonders in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und auf der Ebene europäischer Institutionen – hat sich ein regelrechter »Praktikantinnen-Arbeitsmarkt« herausgebildet. Dieser zeichnet sich durch ein extrem hohes Qualifikationsniveau, flexibelste Arbeitszeiten, niedrige Sozialstandards und geringe bis keine Entlohnung aus. In Deutschland gibt es etwa eine Million Praktikantinnen. Dabei gibt es deutliche Unterschiede nach dem studierten Fach: Am häufigsten sind Praktika bei Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftlerlnnen.Vier von zehn Praktikantinnen erhalten nach Daten des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) keine Vergütung. Mehr als die Hälfte von ihnen fühlt sich ausgebeutet. Eine Studie der DGB-Jugend belegt, dass viele Praktikantinnen sich und ihre Qualifikationen entwertet fühlen. Der Großteil ist darauf angewiesen, dass die Eltern sie unterstützen. Die psychische Belastung durch die Situation zieht offenbar eine langwierige Phase von Verunsicherung, Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexen nach sich. Eine weitere Folge: Immer mehr reguläre Arbeitsstellen werden offensichtlich durch Praktikantinnen ersetzt.

Stabilisierung der Instabilität

Überall fordern Wirtschaft und Politik den »flexiblen Menschen«, der sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes unterwirft. Dies steht im Kontext einer neuen kapitalistischen Formation. Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung, Aufspaltung der Werke, Centerbildung und der Standortwettbewerb sorgen dafür, dass die Marktrisiken wieder unmittelbarer auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Mit diesen Veränderungen gehen keineswegs herrschaftsfreie und vollkommen selbst organisierte Formen der Arbeit einher, vielmehr werden die unsichtbaren Strukturen des Marktes, die Entscheidungs-prozesse formen, in neuem Ausmaß in die Betriebsabläufe eingewoben. Auch die Einbeziehung der Beschäftigten nimmt neue Formen an und erfolgt mit dem Ziel, diese zu Selbst-Managern der eigenen Arbeit zu machen. Das Ökonomische gibt hierbei nicht nur den Rahmen vor, sondern zielt prinzipiell auf alle Formen menschlichen Handelns und alle Einstellungsmuster. Tatsächlich leben wir, historisch gesehen, in der wohl reichsten und sichersten Gesellschaft, die die Geschichte hervorgebracht hat. Dennoch ist seit geraumer Zeit eine »Wiederkehr der Unsicherheit« (Castels) zu beobachten. Die Tendenz der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse lässt sich wesentlich auf den Übergang zu einem finanzgetriebenen Kapitalismus zurückführen, der der Wirtschaft mehr abverlangt, als sie produktiv zu leisten im Stande ist.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse bedeuten nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel, vielfach bewirken sie auch Anerkennungsdefizite und eine Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen. Insofern trifft Castels Diagnose auch auf moderne Arbeitsgesellschaften zu: »Die soziale Unsicherheit schafft nicht nur Armut. Wie ein Virus, der das Alltagsleben durchdringt, die sozialen Bezüge auflöst und die psychischen Strukturen der Individuen unterminiert, wirkt sie auch demoralisierend, als Prinzip sozialer Auflösung.«

Gerade weil sich die prekär Beschäftigten im unmittelbaren Erfahrungsbereich der über Normalarbeitsverhältnisse Integrierten bewegen, wirken sie als ständige Mahnung. Festangestellte sehen, dass ihre Arbeit auch von Personal bewältigt werden kann, das für die Ausübung dieser Tätigkeit Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, die in der Stammbelegschaft kaum akzeptiert würden. Dass die bloße Präsenz prekär oder flexibel Beschäftigter disziplinierende Rückwirkungen auf formal integrierte Beschäftigte hat, lässt sich nur mit einer Verallge-meinerung sozialer Unsicherheit erklären. Prekarisierungsprozesse müssen im Kontext von hoher Arbeitslosigkeit und deren struktureller Verfestigung gesehen werden. Das Ausmaß der Arbeitslosigkeit vergrößert den sozialen Druck, der von unsicherer Beschäftigung ausgeht, erheblich. Je mehr Arbeitslose es gibt, desto öfter wird die Zeit zwischen Studium und Beruf mit Praktika überbrückt. Dass dieser »Übergang« immer länger andauert, liegt jedoch nicht nur an den schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In vielen Branchen ist die »Generation Praktikum« längst eine feste Größe.

Was tun?

Die klassische Formeines Praktikums hat den Erwerb beruflicher Kenntnisse und die berufliche Orientierung zum Ziel. So ist es seitens des Gesetzgebers (Berufsbildungsgesetz § 26) festgeschrieben. In diesem Verständnis haben Praktika eine wichtige Orientierungsfunktion für den Einstieg ins Berufsleben. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist geregelt, dass ein Praktikum in erster Linie dem Erwerb beruflicher Kenntnisse dient, wobei das Lernen im Vordergrund stehe. Wenn die Arbeitsleistung dem Erwerb beruflicher Kenntnisse überwiegt, hat der Praktikant oder die Praktikantin Anspruch auf vollen Lohn (§ 138 I] BGB). Wenn Praktika zum Zwecke des Berufseinstiegs als nicht bezahlte oder unterbezahlte Arbeit geleistete werden» steht oft der Arbeitsanteil -und nicht der Lernanteil — in Vordergrund. Diese Praktika sin< im juristischen Sinne kein Praktikum. Zwischen Praktikantin und Unternehmen sollte ein schriftliche Praktikumsvertrag abgeschlossen 1 werden, um die gegenseitigen Leis-tungen und Pflichten nachvollziehbar festzuschreiben. Prinzipiell ist aber auch ein mündlicher Vertrag gültig. Problematisch kann dies allerdings bei Uneinigkeiten werden.

... von Frankreich lernen

Die Entstehung des »vergesellschafteten Subjekts« geschieht im »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, spezifische Perspektive(n) als Praktikantinnen und Lohnabhängige zu entwickeln. Eine Politik der Entprekarisierung setzt die Selbstorganisation vermeintlich un-organisierbarer Gruppen voraus. Dafür gibt es, wie Beispiele insbesondere aus Frankreich zeigen, realistische Chancen. Die »generation precaire« hat dort bereits gestreikt.

von ANJA WlLLMANN, JUGEND-REFERENTIN DGB DARMSTADT

Die DGB-Jugend rät jungen Akademikerinnen, keine Praktika zu absolvieren, die drei Monate überschreiten. Für diesen befristeten Zeitraum sollten sie eine Vergütung von mindestens 600 Euro netto im Monat verlangen Dauern die Jobs länger, sind sie als Berufseinstiegsprogramme zu bewerten. Dafür sind mindestens 800 Euro monatlich angemessen (vgl. www.students-at-work.de).

Es wird eine Petitton an das Europäische Parlament geben, die demnächst auch online auf der Internetseite www.generation-p.org unterzeichnet werden kann.



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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